#40: Der Langstrecken-Reflex
Mit Sack und Pack stehen wir abends am Flughafen von Papeete auf Tahiti: Uns steht eine lange Weiterreise bevor. Mit einem Nachtflug geht es zuerst nach San Francisco, von dort nach Seattle. Nach einer Übernachtung nehmen wir schliesslich das letzte Stück nach Fairbanks in Angriff. Bikini und Shorts werden wieder mit Wanderhose und Softshelljacke getauscht. Statt kleinen Trauminseln mit ihrer vielseitigen Unterwasserwelt erwartet uns die raue Wildnis Alaskas mit Meister Petz und Co.
In diesem Jahr fliegen wir zwar verhältnismässig selten, doch wenn wir fliegen, dann sind es lange Etappen. Da sich unser Flugglück dabei bis anhin in Grenzen gehalten hat – man erinnere sich an unseren misslungenen Start –, sind wir jeweils ein wenig nervös. Ohne gleich den Teufel an die Wand malen zu wollen, sind wir doch gespannt, was dieses Mal sein könnte. Wir gehen deshalb auch zeitig an den Flughafen, um für alle Eventualitäten gewappnet zu sein. Allzu viel sollte nicht passieren, denn wir haben bereits online einchecken können und bis jetzt auch noch keine Nachricht über eine allfällige Verspätung oder Flugstornierung erhalten. Wie sehr man sich doch täuschen kann. Uns fällt die Kinnlade herunter, als uns die Dame am Check-in verkündet, dass wir heute nicht auf diesem Flug gebucht seien. Sie sehe uns nicht im System, wir seien dann wahrscheinlich auf dem morgigen Flug. Sie könne da leider auch gar nichts für uns tun, da der heutige Flug komplett ausgebucht sei. Zuerst starren wir sie nur ungläubig und sprachlos an. Das ist jetzt wohl ein Scherz, oder? Nach anfänglich sehr konstruktiven Äusserungen («Nein, das kann nicht sein.») setzt zum Glück unser Verstand wieder ein. Dass wir uns dabei auf Englisch unterhalten können, hilft enorm – so bleiben uns Diskussionen à la «non, non, nous l’avons noir sur blanc» erspart :-). Das sei nun aber schon ein bisschen komisch – finden wir –, so hätten wir doch just für den heutigen Flug die E-Mail der Airline mit den Flugangaben und dem Zugang fürs Online-Check-in erhalten. Wir hätten ja auch online eingecheckt… Das wäre doch seltsam, wenn wir dann nicht auf diesen Flug gebucht wären. Hmm, jaaa, das sei schon merkwürdig. Mittlerweile haben wir natürlich auch schon alle Mails und Bestätigungen hervorgeholt, damit wir es ihr «noir sur blanc» zeigen können. Immerhin finden es jetzt alle Beteiligten seltsam und merkwürdig, das ist ein gutes Zeichen! Hinter uns scharren bereits die anderen Passagiere mit ihren Hufen. Wir werden zur Seite genommen, ein weiterer Schalter wird eröffnet. Es kristallisiert sich heraus, dass es zwei Systeme gibt: in dem einen findet sie unsere Buchung, im anderen nicht. Wir sind dafür, dass sie doch einfach das System nehmen solle, wo sie unsere Buchung sieht :-)
Nun haben wir das nächste Problem: Sie sieht zwar unsere Buchung, kann jedoch absolut nichts damit anfangen. Sie könne die Tickets weder validieren, noch mutieren oder drucken. Dieses Ticket könne nur die Fluggesellschaft anrühren, die unser «Round the World»-Ticket ausgestellt habe. Diese Logik muss man nicht verstehen. Sie telefoniert sich also durch und hat nach langem Warten (schliesslich haben die Schalter-Dame und Michelle parallel anzurufen versucht, um ein Vorwärtskommen in der Warteschleife zu erhöhen) – endlich die «richtige» Person des Lufthansa-Supports am Draht. Zum Schluss muss sie noch wissen, wie denn nun der Drucker am Schalter von Papeete heisse, damit der Druckauftrag für die Tickets am korrekten Ort ankomme. Nach über einer Stunde halten wir triumphierend unsere Tickets in den Händen. Die Schalterdame wirkt mittlerweile selbst ziemlich erschöpft und als wir dann als letztes anmerken, dass wir noch ein Extragepäck hätten, winkt sie uns durch und lässt es gebührenlos mitfliegen.
Erleichtert, dass wir es doch noch geschafft haben, kommen wir ans Gate, setzen uns hin und atmen erst einmal tief durch. Und dann tritt der «Langstrecken-Reflex» ein. Den Begriff haben wir soeben erfunden, doch das Phänomen kennt wohl jede/r. Während man so dasitzt und aufs Einsteigen wartet, scannt man unauffällig die anderen Mitreisenden und identifiziert jene, die man jetzt nicht uuuuunbedingt als Sitznachbarn auf einem über achtstündigen Nachtflug haben möchte. Wenn der Detektor anschlägt, beugt sich die Person – weiterhin unauffällig – ein wenig zur Begleitperson hin und raunt durch die Zähne hindurch: «Pssst, also, du darfst jetzt nicht schauen, aber schräg hinter uns…». Nach einem kurzen Stossgebet und ein paar positiven Gedanken («das Flugzeug ist so gross, da ist die Chance ja echt klein, dass es genau uns erwischt») widmen wir uns wieder anderen Dingen. Bald darauf können wir einsteigen und nehmen unsere Plätze ein. Wir sind bereits angeschnallt, als wir unsere «Zielperson» wieder entdecken, wie sie den Gang runter läuft, stetig weiter nach hinten kommt. Reihe um Reihe auslässt. Wir versuchen sie mit unseren Gedanken zu leiten: sitz ab, sitz ab – nein, nicht noch weiter nach hinten kommen! Stopp! Neiiiin!
Es kommt, wie es kommen musste. Wir ziehen den Jackpot! In den nächsten acht Stunden teilen sich Basil und Michelle eineinhalb Sitze.