#39: Hinter den Kulissen
Französisch-Polynesien klingt nach perfekter Postkartenidylle, türkisfarbenen Lagunen, Schnorchelparadies und Luxushotels. Über unser Ankommen und unsere Pläne haben wir im Blog #37: Entspannen in der Südsee berichtet. Im letzten Beitrag – #38: Unsere Version von «Nichts tun» – ging es um die konkrete Umsetzung dieser Pläne.
Doch wie lebt es sich tatsächlich in diesem Inselparadies? Was passiert in den Stunden zwischen Schnorchelausflug und Sonnenuntergang? Und fühlt sich das Paradies immer auch wie eines an? Das «Drumherum» verdient in unseren Augen auch ein paar ehrliche Zeilen – denn manches war erfrischend anders, anderes hingegen überraschend ernüchternd.
«Es ist nicht alles Gold, was glänzt!»
Üblicherweise sind wir auf unseren Reisen nur selten mit Taxis oder Uber unterwegs. Höchstens mal zu Beginn oder am Ende einer Reise, wenn wir unsere Mietfahrzeuge noch nicht respektive nicht mehr haben. Üblicherweise machen wir auch keine Badeferien. Unser Aufenthalt in der Südsee hält also gleich zwei Premieren für uns bereit. Bereits bei Ankunft erleben wir unsere erste Herausforderung: Taxis stehen zwar zuhauf zur Verfügung, doch sie nehmen alle nur Bargeld. Worüber wir wiederum nicht verfügen (mehr dazu findest du in diesem Blog)…
Unseren Lieblingstaxi-Fahrer treffen wir auf Moorea. Er wird fast so etwas wie unser privater Chauffeur während unserer Zeit im Airbnb. Wir haben lange hin und her überlegt, ob wir auf Moorea ein Auto mieten sollen, haben uns dann jedoch aus mehreren Gründen dagegen entschieden. Einerseits wollen wir ja Entspannen und nach den Tausenden von gefahrenen Kilometern in Westaustralien hier nicht auch noch ständig «on the road» sein. Andererseits sind die Inseln so klein, dass man gut auch schnell ein Taxi nehmen kann, um an einen bestimmten Ort zu gelangen. Drittens sind bei den meisten Ausflügen die Transfers im Preis inbegriffen. Was uns bei der Wahl unseres Airbnbs für die ersten fünf Nächte nicht bewusst war: Es liegt an einem kleinen, blinden Fleck Mooreas, just etwas zu weit von den gängigen Touren-Ausgangspunkten entfernt. Also benötigten wir jeweils «unseren» Taxi-Fahrer, um an den nächstgelegenen «Gratis-Transfer-Pick-up»-Punkt zu gelangen. Die Vermittlung ist einfach. Unsere Airbnb-Gastgeber fragen uns gleich zu Beginn unseres Aufenthalts, ob wir bei irgendetwas Hilfe oder Tipps benötigen. Sie können uns Taxis, Mietfahrzeuge, Touren, usw. organisieren. Jede Unterkunft scheint ein bevorzugtes Taxi-Unternehmen zu haben. In unserem Fall ist es das «Hiva-Taxi». Wir bekommen seine Nummer und fortan können wir ihn einfach kurz anrufen oder eine WhatsApp schreiben, wenn wir seinen Fahrdienst benötigen. Er fährt immer überpünktlich vor, spricht sowohl Englisch wie auch Französisch, ist aufgestellt und bringt uns auf der Fahrt auch gleich noch seine Insel näher – Taxifahrt und Inseltour in einem. Wir kontaktieren ihn auch für unsere letzte Fahrt vom Hotel zum Flughafen. Wir sind so ins Gespräch vertieft, dass wir zuerst gar nicht merken, dass wir am Flughafen vorbeigefahren und nun Kurs auf das Fährenterminal nehmen. Irgendwann kommt uns allen etwas komisch vor… Unter Gelächter wenden wir und peilen nun den Flughafen an. Die Distanzen sind ja zum Glück nicht gross.
Wären wir wieder zurück nach Tahiti gereist, wäre das Fährenterminal ja auch durchaus die logische Wahl gewesen. Moorea befindet sich schliesslich nur einen Katzensprung (rund 30 bis 45 Minuten Fährfahrt von Tahiti) entfernt. Da wir jedoch noch eine dritte Insel besuchen wollen, müssen wir auf den Flughafen. Uns steht ein 50-minütiger Direktflug bevor. Wir fliegen über einige Inselchen, auf die die Crew uns jeweils über Lautsprecher aufmerksam macht. Auf Bora Bora landen wir nicht auf der Hauptinsel: Der Flughafen befindet sich auf einem Motu (einer kleinen vorgelagerten Insel). Im Flugticket inkludiert ist der anschliessende Fährtransfer an den Hafen Vaitape der Hauptinsel (wer allerdings in einem der Luxushotels residiert, der wird direkt vom hoteleigenen Taxi-Boot abgeholt). Dem Preis nach zu urteilen, den wir für unser Bungalow bezahlt haben, hätten auch wir durchaus in die Kategorie «eigener Bootstransfer» zählen können. Doch damit weit gefehlt. Wer auf Bora Bora pro Zimmer und Nacht CHF 700.- bezahlt, der gehört noch zum einfachen Fussvolk. Am Fähranleger halten wir somit nach unserem Hotel-Taxi Ausschau. Für diesen Extra-Service zahlen wir umgerechnet CHF 30.-. Wir lernen, dass in den Zimmerpreisen wirklich nur das allernötigste inkludiert ist. Bald entdecken wir «unser» Taxi. Genauer betrachtet sind es zwei davon. Eins fürs Gepäck und das andere für die Passagiere. Gäste aus vier verschiedenen Hotelanlagen nehmen in einem uralten, ausrangierten Schulbus Platz. Nachdem wir bei den anderen drei Hotels Halt gemacht haben (und dabei – kurze Unsicherheit – schon an unserem Hotel vorbeigefahren sind), wendet der Bus und lädt auch noch die letzten Gäste ab. Für eine Strecke, die auf direktem Weg zehn Minuten gedauert hätte, zahlen wir also stolze CHF 30.- pro Weg, um mit einem lottrigen Sammeltaxi zu unserem sogenannten Luxushotel zu gelangen. Für diesen Preis hätte man locker ein «normales» Taxi nehmen können. Es ist ein erster Vorgeschmack darauf, dass hier «viel kosten» nicht gleichzusetzen ist mit «viel bekommen».
«Morgenstund hat Gold im Mund?»
Unsere royale Anreise im Schulbus ist tatsächlich ein guter Indikator dafür, was wir in den kommenden vier Nächten für so viel Geld erwarten können: überdurchschnittlich lange Wartezeiten beim Abendessen für höchstens durchschnittlich feines Essen. Strassenhunde und Hühner, die im Restaurant für ein «authentisches Ambiente» sorgen. Zimmer, die sie zu reinigen gedenken, wenn du nach einem halbtägigen Ausflug wieder zurück bist. Ein «Overwater Bungalow», der keinen halben Meter weit im Meer und mit etwas Glück ganze 20 cm tief im Wasser steht. Wir könnten an dieser Stelle noch weitere Punkte auflisten, aber auch so wird klar, dass wir uns von unserem Hotel-Aufenthalt auf einer der weltweit teuersten und exklusivsten Inseln etwas mehr erwartet haben. Wir dürfen uns gar nicht ausrechnen, was wir anstelle des Abstechers nach Bora Bora an einem anderen Ort alles hätten leisten können.
Die Ausflüge sind allerdings toll! Wie wir im letzten Blog beschrieben haben, kommt man fast nicht darum herum, separate Ausflüge zu buchen, wenn man die Highlights der Unterwasserwelt rund um die Inseln erleben möchte. Das Gute daran ist: egal, in welcher Unterkunftskategorie du wohnst – die Ausflüge bringen dich an die schönsten und beeindruckendsten Stellen. Will heissen: Du kannst genauso gut in einem (verhältnismässig) günstigen Airbnb unterkommen und erlebst auf dem Ausflug dasselbe wie alle anderen. Da wir gelesen haben, dass es auf ganz Bora Bora nur einen einzigen öffentlichen Strand gibt, haben wir uns hier für ein vermeintliches schönes Strandhotel entschieden. Auf Moorea jedoch haben wir die ersten fünf Nächte in einem herzigen Airbnb mit eigenem Strandabschnitt verbracht. Unsere Gastgeber waren sehr herzlich und hilfsbereit, sie haben uns nicht nur mit Tipps versorgt, sondern sogar unsere Wäsche gewaschen. In nur zehn Gehminuten erreichten wir zudem den lokalen Supermarkt, wo wir uns mit frischem Baguette und allerlei Leckereien für ein selbstgekochtes Abendessen eindecken konnten. Wenn uns nicht nach kochen war, konnten wir ins nahe gelegene Strandrestaurant gehen. Ein fast perfekter Ort, um einfach mal ein paar Tage zu entspannen. Einziges Manko: Wir kommen kaum zum Schlaf. Schlaf, den wir eigentlich bitter nötig hätten… Leider müssen wir unsere Hütte – oder besser gesagt unseren Dachstock – mit einem äusserst eifrigen und ausdauernden Nager teilen. Kaum möchten wir ins Bett, fängt er mit seinen Nagetätigkeiten an. Er nagt und nagt und nagt. Wenn wir aufstehen und mit einem Besen an die Decke poltern, dann hält er ein paar Sekunden inne und fängt dann wieder an. Wir sind erstaunt, dass er sich in den fünf Nächten noch nicht bis in den Innenraum durchgenagt hat. Bei Einsetzen der Dämmerung verlässt er seine Schicht und übergibt an den Hahn, der uns fortan mit seinem bezaubernden Gesang verwöhnt. Etwas übernächtigt und unausgeruht sind wir dann doch froh, als wir für die letzten vier Nächte auf Moorea in ein Hotel wechseln dürfen.
«Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser?»
Am Tag des Hotelwechsels buchen wir eine Tour. Wie weiter oben beschrieben, ist bei den Touren in den meisten Fällen der Hoteltransfer eingeschlossen. Wir kontaktieren also den Tourenanbieter und fragen, ob es möglich sei, von einem Hotel in der Nähe unseres Airbnbs mitsamt unserem Gepäck aufgeladen, das Gepäck während der Tour irgendwo zwischenzulagern und am Schluss im neuen Hotel abgeladen zu werden. Das sei absolut kein Problem!
Wow, das klingt wunderbar. Wie abgemacht nehmen wir also unsere Reisetasche* und unsere Tagesrucksäcke mit. Wir kommen beim Treffpunkt – einem Bootssteg – an und fragen unsere Guides, wo wir denn unser Gepäck deponieren können, denn ausser dem Bootssteg können wir keine Infrastruktur entdecken… Ach, kein Problem, einfach da in die Kühltruhe reinschmeissen. Wir versuchen, nicht allzu skeptisch dreinzublicken und fragen dann aber dennoch vorsichtshalber, ob das denn sicher sei. Jaja, wie gesagt, kein Problem! Da sei noch nie was weggekommen. Wir fragen nicht weiter nach und vertrauen darauf, dass unser Gepäck – worin sich unter anderem auch zwei Laptops befinden – am Ende der Bootstour noch dort sein wird. Natürlich geht alles gut. Wir nehmen uns trotzdem vor, in Zukunft bei solchen Anliegen etwas präziser zu sein und nicht bloss zu fragen, ob wir das Gepäck «irgendwo» zwischenlagern können :-)
*by the way: den grössten Teil unseres Gepäcks haben wir gütigerweise gratis in unserem Stadthotel in Papeete (Tahiti) lassen dürfen und haben somit hier auf den Inseln nur eine Reisetasche dabei.
«Kleider machen Leute?»
Was packst du am besten für Badeferien auf einer tropischen Insel ein, wo ganzjährig Durchschnittstemperaturen um die 27°C herrschen? Vielleicht sogar für einen Aufenthalt in einem Luxushotel? Viel Reiseerfahrung braucht es nicht, um zu wissen, dass du mit leichter Strand- und Sommerkleidung nicht allzu falsch liegen kannst. Um für alle Eventualitäten gewappnet zu sein, kommen noch etwas Langärmliges, einen Regenschutz, diverse Ersatzkleidungsstücke und – je nach gebuchter Hotelkategorie – auch etwas Schickes ins Gepäck. Eine schöne Sandalette, ein zum Kleid passendes Handtäschchen, etwas Schmuck. Die Männer packen nebst Freizeitshorts noch eine lange Leinenhose und schlichte Hemden für romantische oder festliche Abendessen im Strandrestaurant ein. Natürlich dürfen auch Ersatzbadehosen, UV-abweisende Wassershirts und die Schnorchelausrüstung nicht fehlen. In ein 23-kg-Gepäckstück passt schliesslich einiges.
Nun kommen wir ins Spiel… Selbstverständlich haben wir dasselbe Anrecht auf je ein 23-kg-Gepäckstück. Wir haben sogar noch ein drittes aufgegebenes Gepäckstück dabei. «Was für ein Luxus!», könnte man denken. Tatsächlich gehören wir trotz unseres beachtlichen Gepäckvolumens wohl zu den am schlechtesten und unpassendsten ausgerüsteten Touristen auf ganz Französisch-Polynesien. Unsere Ausrüstung ist auf Funktionalität ausgelegt. Der Fokus liegt klar auf Wandern und Camping.
Das Rennen für die «schönsten Schuhe» entscheiden unsere Badelatschen für sich. Dicht gefolgt von unseren Trailrunning-Schuhen mit ihrer von Australiens roter Erde überzogenen Staubschicht. Etwas weiter zurück liegen die Wasserschuhe, und unsere klobigen Wanderschuhe landen auf dem letzten Platz. In der Kategorie «schönste Hose» geht Basil mit einer – etwas zerknitterten – langen Leinenhose und Michelle mit einer Jeansshorts und einer Pluderhose an den Start. In der Oberbekleidung trumpfen wir mit unseren Wandershirts auf... Michelle hat immerhin noch ein paar schlichte Trägertops im Gepäck. Unsere Schmuckauswahl ist derart begrenzt, dass sie sich gar nicht erst für ein Rennen qualifiziert. Ebenfalls nicht antreten können wir in den Rubriken «schönste Hemden» sowie «Strand- und Sommerkleider».
Uns ist das schon vorgängig bewusst. Es stresst uns auch ein bisschen, doch wir planen, in Papeete noch ein paar Notkäufe zu machen. Nicht nur ist unser Glamour-Level eher bescheiden, auch die schiere Menge geeigneter Kleidung für zweieinhalb Wochen Inselleben ist mager. Wir decken uns also mit je einem UV-Wassershirt ein, Michelle kauft sich noch einen zweiten Bikini und Basil ein Hemd (das allerings in der falschen Tasche landet und die ganze Zeit über in unserem Stadthotel in Papeete bleibt). Die Suche nach einem Strandkleid, das einigermassen gefällt und gleichzeitig nicht zu teuer ist, geben wir erfolglos wieder auf.
Es ist, wie es ist! Nun ist Improvisieren angesagt. Unsere typischen Abend-Outfits für Französisch-Polynesien sehen folgendermassen aus: Basil in T-Shirt, langer Leinenhose und Adiletten – Michelle in T-Shirt, Pluderhose und Badelatschen. Da häufig ein Windchen geht, tragen wir manchmal sogar noch Socken in unseren offenen «Schuhen». Unser Auftritt ist uns zu Beginn etwas peinlich, kommen die anderen Hotelgäste teilweise derart herausgeputzt und aufgebrezelt daher, als hätten sie einen Auftritt auf dem roten Teppich. Wir machen uns indes die früh einsetzende Dunkelheit zunutze. Bis wir ins Restaurant gehen, sieht man auf den ersten Blick nicht, dass wir keine schwarzen geschlossenen Schuhe tragen, sondern tatsächlich bloss schwarze Sportsocken in dunklen Latschen. Bei der Restaurantwahl ziehen wir die strandnahen Lokale – unser Favorit war die Crêperie auf dem Holzsteg mit den vorbeischwimmenden Haien – denjenigen mit den fancy Gourmet-Menüs vor. Und nicht zuletzt versuchen wir ganz einfach, unser «underdressed sein» zu überspielen. Wir tun so, als wären wir adäquater gekleidet und tragen unser Outfit mit Würde. Nach ein paar Tagen ist es uns nicht mehr unangenehm. Von wegen «Kleider machen Leute» :-)
Französisch-Polynesien bleibt für uns in vielerlei Hinsicht ein unvergesslicher Ort: Noch nie sind wir in eine derart diverse Unterwasserwelt eingetaucht und dabei mit Riffhaien, Rochen und Schildkröten geschnorchelt. Noch nie wurden wir mitten in der Nacht am Flughafen von einem musizierenden Trio empfangen. Noch nie haben wir umgeben von Fischschwärmen an einem Tisch im Wasser Zmittag gegessen. Noch nie sind wir mit Vollgas auf einem Jetski über eine kristallklare, türkise Lagune gebrettert. Noch nie hat eine Reiseleitung während des Autofahrens Texte von einem iPad abgelesen. Noch nie haben wir für eine Unterkunft so viel bezahlt – und so wenig dafür bekommen.
Dass Reisen bei weitem nicht nur aus spektakulären Momenten besteht, sondern vielmehr aus einem Zusammenspiel von Traumkulisse und Realität, hat uns Französisch-Polynesien einmal mehr eindrücklich vor Augen geführt. Auch im vermeintlichen Paradies ist nicht automatisch alles perfekt.
Jetzt sind wir bereit für unser nächstes Abenteuer! Dass uns Französisch-Polynesien nicht «einfach so» ziehen lässt, sondern dafür sorgt, dass auch die Weiterreise bleibende Erinnerungen hinterlässt, hätten wir uns ja denken können… Dieser Geschichte widmen wir den nächsten Blog.
Bevor wir uns definitiv von der Südsee verabschieden, werfen wir hier noch einmal einen letzten Blick auf unsere Bildergalerien.