#41: Zurück im hohen Norden – Ankommen und Aufbrechen
Endlich sind wir in Alaska! Seit sieben Monaten sind wir unterwegs – und kommen nun das erste Mal in eine uns vertraute Umgebung. Wohin wir die letzten Monate auch gingen, immer war alles neu: ständiges Sich-Orientieren, Zurechtfinden und Jonglieren mit unbekannten Orten standen auf der Tagesordnung. Nun landen wir in Fairbanks – der Stadt, die uns vor vielen Jahren als Versorgungs- und Ausgangsort diente, als wir hier lebten.
Zwölf Jahre ist es her, seit wir das letzte Mal hier waren. Damals lag eine dicke Schneeschicht über der Landschaft, bittere Kälte empfing uns, und der grösste Teil des Tages war in Dunkelheit gehüllt. Dieses Mal steigen wir an einem heissen Sommernachmittag aus dem Flugzeug. Das Thermometer zeigt weit über 20°C an – später erfahren wir, dass es in den vergangenen sechs Wochen meist sogar über 30°C waren). Statt dick eingemummt über verschneite Strassen zu stapfen, schlendern wir nun im T-Shirt durch die mit vielen Blumenampeln geschmückte Stadt. Die Sonne steht hoch am Himmel und will fast nicht untergehen. Erst um 23 Uhr verschwindet sie für eine Weile hinter dem Horizont, um nur wenige Stunden später wieder aufzutauchen.
Damals wie heute – egal ob Winter oder Sommer – ist die Vorfreude auf Alaska riesig. Obwohl wir eine sehr lange und nicht durchgängig angenehme Anreise von Französisch-Polynesien bis hierher hinter uns haben (mehr dazu kannst du im Blog #40: Der Langstrecken-Reflex nachlesen), ist beim Verlassen des Flughafens von Müdigkeit keine Spur. Im Gegenteil: Stattdessen sind wir aufgekratzt, grinsen einander an, können es kaum fassen, wieder hier zu stehen. Nach so vielen Jahren kehren wir zurück und freuen uns unglaublich auf die kommenden Wochen. Darauf, neue wie auch altbekannte Ecken zu erkunden, auf das Unterwegssein im Camper, und «unsere» Schlittenhunde und Freunde wiederzusehen.
Nebst der Vorfreude mischt sich ein weiteres Gefühl darunter: Wir sind hier nicht bloss in irgendeiner weiteren Destination oder einer neuen Reiseetappe angekommen. Nein, wir sind «nach Hause» gekommen.
Wiedersehen mit Freunden
Sobald wir unseren Truck Camper übernommen und uns mit Vorräten eingedeckt haben, machen wir uns auf den Weg zu unseren Freunden. In den kommenden drei Tagen schwelgen wir in vielen gemeinsamen Erinnerungen. Wir streicheln und knuddeln gaaanz viele Hunde (inkl. 30 Welpen!), helfen bei deren Versorgung mit, trinken zusammen Tee und geniessen einen Grillabend an einem warmen Sommerabend auf der Terrasse mit Blick auf die Hunde. Eine kurze Trainingsfahrt darf ebenfalls nicht fehlen.
Wir beschliessen dennoch nach drei Nächten weiterzuziehen – im Wissen, dass wir jederzeit willkommen sind und zurückkehren dürfen. Uns steht ein langer Weg bevor: Den Camper müssen wir Mitte Oktober im rund 3'500 km entfernten Seattle zurückgeben. Dazwischen liegen ganz viel atemberaubende Natur, abgeschiedene Übernachtungsplätze, eine eindrückliche Tierwelt, spannende Aktivitäten, unzählige abwechslungsreiche Wandermöglichkeiten.
Routenplanung – Mit dem Wetter auf Kurs
Die Routenplanung versuchen wir möglichst flexibel zu gestalten. Wir planen grob fünf Wochen für Alaska ein. Danach sollten wir langsam nach Kanada in den Yukon überwechseln und dann – je nach Temperaturen – früher oder später den weiten Weg durch British Columbia bis nach Seattle (USA) antreten. Da wir in Alaska weitestgehend im «nässesten Sommermonat» (August) unterwegs sind, möchten wir unsere Route anhand der Wetterprognosen ausrichten. Diese Taktik geht ausgesprochen gut auf. Natürlich haben wir nicht immer strahlend schönes Wetter, doch so richtig nass werden wir auf Wanderungen oder Ausflügen nie. Schönes Wetter bekommt eine neue Definition: «schön» bedeutet für uns fortan ganz einfach «kein Regen».
Gleich nach dem ersten Stopp im Denali National Park stellt sich uns die Frage: Sollen wir zuerst weiter ins südlich vom Park gelegene Talkeetna fahren, um uns dort den langgehegten Traum eines Rundflugs um den Denali zu erfüllen oder doch lieber «quer rüber» via Denali Highway in den östlichen Teil Alaskas fahren? Die Wetterprognosen sehen nicht allzu vielversprechend aus und für den Rundflug brauchen wir einen perfekten Tag. Der Denali ist häufig von einer Wolkendecke umgeben: An gerade mal zwei Tagen pro Monat hat man schätzungsweise einen freien Blick auf den gesamten Berg. Wir hatten bereits das Glück, den Denali in seiner vollen Pracht beim Wandern im Park bestaunen zu können. Für die kommenden Tage sieht es jedoch nicht gut aus. Unsere Wahl fällt demnach auf den Denali Highway.
Bei Paxson, wo der Denali Highway in den Richardson Highway mündet, ist die Richtung klar: Wir müssen nach Süden. Doch schon eineinhalb Stunden später müssen wir uns erneut entscheiden: Sollen wir den Glenn Highway in Richtung Anchorage nehmen oder unsere Fahrt weiter nach Süden (entweder nach Valdez oder den Wrangell-St. Elias National Park) fortsetzen? Auch hier nimmt uns die Wettervorhersage die Entscheidung ab. Für den vor einer Woche gebuchten und bis 48-Stunden vor Tourbeginn gratis stornierbaren Eiskletter-Ausflug auf dem Matanuska Glacier wird ein durchgehend sonniger und warmer Tag angekündigt. Wir sind bereit für dieses Abenteuer und biegen somit auf den Glenn Highway ab!
Für den Folgetag ist Regen angesagt. Die perfekte Gelegenheit also, um auszuschlafen, in Ruhe nach Palmer zu fahren und dort unsere Vorräte aufzustocken. Während es draussen regnet, streifen wir durch die vielen Regalreihen. Nach zwei Stunden haben wir unseren Einkaufsmarathon hinter uns gebracht, weiter geht es mit Abwassertanks entleeren, Frischwassertanks auffüllen, Tanken und Duschen. Jetzt sind wir wieder für ein paar Tage abseits der Zivilisation gerüstet. Wir fahren nach Hatcher Pass und verbringen den verregneten Nachmittag im Camper: spielen, Gemüse rüsten, portionieren und einfrieren.
Die Wetterapps weiterhin gut im Blick, geniessen wir ein paar trockene, wenn auch bewölkte Wandertage in Hatcher Pass. Wir sind auf der Lauer und schlagen dann zu: Das Wetter verspricht erneut richtig gut zu werden. Wir warten noch ein wenig ab mit der Buchung, machen uns aber vorsorglich schon mal auf den Weg nach Talkeetna. Nur einen Tag im Voraus buchen wir dann den Denali-Rundflug. Wie beim Eisklettern erwischen wir einen perfekten Tag. Besser hätten wir den Denali und all die umliegenden Gletscher und Gipfel nicht zu Gesicht bekommen können. Absolut phänomenal! Nicht zu vergessen: Obwohl wir in der absoluten Hochsaison unterwegs sind, ist es kein Problem, ein Highlight wie diesen Rundflug nur einen Tag im Voraus zu buchen. Den vielen Anbietern, verschiedenen Flugrouten und häufigen Abflügen sei Dank.
Nun führt unsere Route wieder südwärts. Wir wollen einige Zeit auf der Kenai-Halbinsel verbringen. Erneut nutzen wir unsere mittlerweile bewährte Strategie: (teure) Touren und Highlights an den besten Tagen buchen, Wandern, wenn einigermassen trockenes Wetter angesagt ist und Pausentage an den «nassen» Tagen einlegen. Wieder geht der Plan auf: perfekte Bedingungen am Crescent Lake für die Bärenbeobachtungstour, ebenso auf der Bootstour im Kenai Fjords National Park (zwar nicht sonnig, dafür – viel wichtiger – mit einer ruhigen See). Einige wunderschöne Wanderungen, die wir alle trockenen Fusses wieder nach Hause schaffen. Für die Aussicht über das Harding Icefield hätten wir uns zwar eine etwas bessere Sicht gewünscht – aber hey, alles kann man nun wirklich nicht haben.
Am liebsten hätten wir von der Kenai-Halbinsel die Fähre über den Prince William Sound nach Valdez genommen. Die Fähren sind aber tatsächlich heissbegehrt und können nicht mal eben kurzfristig gebucht werden. Zugunsten von mehr Flexibilität haben wir deshalb auf eine Fährbuchung verzichtet und sind stattdessen «aussenrum» über den Glenn Highway gefahren. Überhaupt nicht tragisch, die Strecke ist wunderschön und kann gut und gerne doppelt gefahren werden.
Beim Pippin Lake stehen wir vor der letzten Kreuzung, wo wir nochmals abwägen müssen: Sollen wir zuerst in den rauen und wilden Wrangell-St. Elias National Park abbiegen oder doch erst nach Valdez (dorthin, wo wir sonst mit der Fähre angekommen wären)? Der Nationalpark soll zuerst drankommen. Gesagt, getan. Als letztes Ziel bleibt nun noch Valdez übrig. Jetzt können wir nicht mehr ausweichen, können auch nicht mehr gross abwarten, sondern müssen das Wetter nehmen, wie es ist. Regen, Regen und noch mehr Regen. Die geplante Kajaktour lassen wir sausen, dafür verbringen wir ein paar Stunden bei der Solomon Gulch Hatchery und verfolgen fasziniert das Naturschauspiel. Beim Valdez Glacier Lake sehen wir zuerst kaum die Hand vor unseren Augen. Zum Glück lichtet sich der Nebel etwas, sodass uns ein paar mystische Aufnahmen gelingen. In den beiden Museen «Valdez Museum» und «Old Town Valdez Museum» können wir uns im Trockenen die Zeit vertreiben und lernen gleichzeitig viel über die Geschichte von Valdez und Alaska: den Goldrausch (ab 1897), das verheerende «Karfreitagsbeben» (1964), den Bau der Trans-Alaska-Pipeline (ab 1974) oder das Unglück der Exxon Valdez (1989), eines der schlimmsten Ölunglücke der Geschichte.
Viel zu schnell ging die Zeit in Alaska rum – doch der Herbst steht vor der Tür und wir möchten auch noch einige Zeit im Yukon verbringen. Alles hängt vom Wetter, genauer gesagt von den Temperaturen ab. Wenn es in der Nacht zu kalt wird (<0°C) besteht die Gefahr, dass die Leitungen unseres Campers einfrieren. Ein Umstand, den wir auf jeden Fall vermeiden möchten. Umso wichtiger ist es, dass wir das Thermometer gut im Auge behalten und unsere Route entsprechend anpassen. Noch scheint kein unmittelbarer Temperatursturz bevorzustehen. Also nehmen wir Kurs auf das rund 700 Kilometer entfernte Dawson City im Yukon (Kanada). Falls alles passt, werden wir von hier noch einen «kleinen» Abstecher zum Arktischen Ozean hoch machen.
Dies war ein erster kurzer Überblick zu unserer groben Reiseroute durch Alaska. In den kommenden Beiträgen werden wir detaillierter von unseren Erlebnissen berichten. Wie haben wir das Campen im hohen Norden erlebt? Was ist uns auf den Wanderungen alles widerfahren? Was haben wir ausser Wandern sonst noch gemacht? Welche tierischen Begegnungen bleiben uns besonders in Erinnerung? Und was hält Kanada noch alles für uns bereit? Alles zu seiner Zeit …