#42: Wo wir stehen bleiben – Campen in Alaska und Kanada
In den zweieinhalb Monaten, die wir in Nordamerika verbracht haben, haben wir 50 Nächte wild gecampt. Wildes Campieren ist hier an vielen Orten erlaubt, ausgeschlossen sind natürlich Nationalparks und Privatgrundstücke. Abgesehen von diesen offensichtlich «verbotenen Zonen», stehen einem unzählige legale Übernachtungsplätze zur Verfügung. Viele sind wunderschön: Oftmals waren wir allein, umgeben von grossartiger Natur, mitten in der Wildnis, ohne Handyempfang, in absoluter Ruhe. Der Luxus aus einer Vielzahl wunderschöner Übernachtungsplätze – meist noch in Abgeschiedenheit – wählen zu können, macht unser Reiseerlebnis hier im hohen Norden sehr entspannt. Durch die damit gewonnene Flexibilität konnten wir spontan entscheiden, wo wir bleiben wollten – und wo eben nicht. Wenn immer möglich, haben wir uns die «schönsten und idyllischsten» Plätze ausgesucht. Goldwert sind dabei Apps wie iOverlander, die einem dabei helfen, genau solche Plätze zu finden. Mit der Zeit haben wir uns schon fast einen Sport daraus gemacht, den «perfekten» Platz zu finden. Gerne irgendwo an einem kleinen See mit einer schönen Aussicht, gerne etwas abseits der Hauptstrasse, gerne mit tierischen Nachbarn. Vorab notierten wir uns einige vielversprechende Plätze – und entschieden vor Ort, welcher sich für die Nacht am besten anfühlte. Sehr nützlich sind dabei die Kommentare aus der iOverlander-Community. Wie ist die Zufahrt zum Platz? Benötigt man einen 4x4 oder zumindest viel Bodenfreiheit? Führt bloss ein schmaler Zufahrtsweg durch dichtes Buschwerk und riskiert man so, seinen Camper zu zerkratzen? Wie viel Platz zum Wenden gibt es? Ist der Platz nur für kleine VW-Büssli geeignet oder kann man hier auch mit einem grossen Wohnmobil übernachten?
Nicht idyllisch, aber dennoch spektakulär…
Jedes Mal einen aussergewöhnlichen Platz zu finden, ist aber auch hier nicht immer realistisch. Manchmal opfert man einen idyllischen Platz zugunsten anderer Qualitäten. Zwei Orte kommen uns dabei besonders in den Sinn: kein «Natur pur», aber dennoch auf ihre Art spektakulär. Das eine Mal übernachten wir auf einem grossen, geteerten Parkplatz, der in unmittelbarer Nähe zur Solomon Gulch Hatchery – einer der grössten Lachszuchtanlagen Nordamerikas – liegt. Hier spielt sich alljährlich ein Naturspektakel der besonderen Art ab: Zwischen Juli und Oktober kehren Millionen von Lachsen hierher zurück, um zu laichen und zu sterben. Mit ihrer Ankunft treffen auch diverse Fressfeinde ein: Seelöwen, Möwen, Bären, Adler, usw. Wir haben das alles direkt vor unserer Haustür. Bei Ebbe ist der gesamte freigelegte Meeresboden mit toten Lachsen belegt, über uns kreisen kreischend Scharen von Möwen, im Wasser bedienen sich Seelöwen und Otter am reich gedeckten All-you-can-Eat-Buffet. «Das alles» schliesst auch den atemberaubenden Gestank von Abertausend verrottender Fische sowie ohrenbetäubendes Möwengeschrei mit ein – wir kriegen das ganze Paket mit allem, was dazugehört. Unsere Bilder zeigen, dass es «das alles» mehr als wert gewesen ist. Das zweite Mal übernachten wir direkt am Turnagain-Arm, einem schmalen Meeresarm südlich von Anchorage. Viele kleine Parkbuchten befinden sich direkt zwischen dem vielbefahrenen Seward-Highway und dem Meer. Die Eisenbahnlinie der Alaska Railroad ist hier ebenfalls nie weit vom Highway entfernt. Tags wie nachts wird man mit hupenden Güterzügen beglückt. Von Ruhe und Abgeschiedenheit kann auch hier keine Rede sein. Entschädigt wird man dafür mit einer wunderschönen Aussicht auf das Meer und die umliegenden Berge. Und mit etwas Glück schwimmen sogar Beluga-Wale dicht am Ufer vorbei. Ob wir Belugas sichten konnten, erfährst du in einem unserer nächsten Blogs.
Unsere «Herzensplätze»
Eine Rangliste der schönsten Übernachtungsplätze zu erstellen, ist fast unmöglich. Selbst ein nüchterner, asphaltierter Parkplatz mit Verkehrs- und Zuglärm hatte seinen Reiz – wie die beiden obigen Plätze gezeigt haben. Unvergesslich bleiben uns mit Sicherheit die folgenden fünf Plätze:
Der einfache, aber schlichtweg spektakuläre Campingplatz in der Inuit-Siedlung Tuktoyaktuk am Arktischen Ozean in Kanadas Northwest Territory. Unser Camper steht nur wenige Meter vom Ufer entfernt. Egal, ob man sich für ein Bad gleich komplett in das kalte Nass wirft oder – so wie wir – sich damit begnügt, bis zu den Knien reinzuwaten. Es hat etwas Magisches, wenn man nach so vielen Stunden und Tagen Fahrt durch die Wildnis plötzlich auf diesen rauen Ozean trifft.
Unser Plätzchen am Sulphur Lake, nahe der Parkgrenze des Kluane National Parks im Yukon Territory (Kanada). Tagsüber können wir eine Bisamratte beim Schwimmen im See beobachten, nachts tanzen die Nordlichter über unseren Köpfen. Wir schnappen unsere Stative und versuchen, das Nordlicht doppelt aufs Bild zu kriegen: einmal im Himmel, einmal im See gespiegelt.
Übernachten direkt auf dem Polarkreis, auf 66° 33′ Nord! Bei der Infotafel zum «Arctic Circle» auf dem Dempster Highway hält garantiert jedermann. Die meisten fahren nach einem kurzen Fotostopp wieder weiter. Wir haben den Platz auf dem Weg nach oben so wunderschön gefunden, dass wir hier auf dem Rückweg eine Übernachtung eingeplant haben. Die umliegende Hügellandschaft in den schönsten Herbstfarben ergibt eine Traumkulisse. Einer Eule direkt vor unserem Camper bei der Jagd zusehen zu können bildet dann noch das Tüpfelchen auf dem i.
Auf iOverlander haben wir gelesen, dass an dieser Stelle des Slana Rivers (Alaska) häufig Biber beobachtet werden können. Wir erreichen den Platz am späteren Nachmittag und müssen uns nicht lange gedulden, bis ein Biber auftaucht und die längste Zeit geschäftig seine Runden in einem stillen Seitenarm des Flusses dreht. Genau dort, wo wir unseren Camper für die Nacht geparkt haben. Wir müssen nicht mal aus unserer gemütlichen Kabine steigen, um unseren Nachbarn ausspionieren zu können.
Streng genommen dürfte der fünfte Herzensplatz nicht dazu zählen – übernachtet haben wir dort wegen der exponierten Lage allerdings nicht. Tagsüber standen wir dennoch stundenlang am Aussichtspunkt beim Salmon Glacier in British Columbia (Kanada) und haben auf Lücken in der Wolkendecke gehofft. Kamera fassen, Türe auf, Treppchen runter, Foto vom Gletscher machen. Oder auch häufig: Kamera fassen, Türe auf, Treppchen runter, feststellen, dass sich die Wolkendecke wieder geschlossen hat, Treppchen wieder hoch, Türe zu und auf ein Neues hoffen.
Die Königsklasse im «Wildcamping»
Wildes Campen ist auch in (Gross)Städten möglich, gehört jedoch oftmals nicht zu den sichersten Varianten und deshalb auch nicht zu unseren Favoriten. Wir ziehen an solchen Orten die Sicherheit eines offiziellen Campingplatzes vor. Manchmal ist es jedoch gar nicht so einfach, in Stadtnähe einen Campingplatz zu finden. So erging es uns in Seattle, als wir noch eben schnell vor Camper-Rückgabe eine letzte Übernachtungsmöglichkeit suchten. Zum Glück waren wir da mit einem befreundeten Paar unterwegs und haben – wieder dank der iOverlander-App – einen sicheren Ort in einer ruhigen Seitenstrasse gefunden. Dank der vielen positiven Rezensionen aus der Community und der Tatsache, dass wir uns gegenseitig im Auge behalten konnten, haben wir dieses Experiment gewagt. Wir verbrachten tatsächlich eine angenehme und ruhige Nacht – trotzdem hätten wir das nicht gemacht, wenn wir allein gewesen wären.
Zurück auf dem offiziellen Campingplatz – wenn die Steckdose ruft
So schön Wildcamping auch ist, zwischendurch kommt man nicht darum herum, einen offiziellen Campingplatz aufzusuchen. Unser Hauptgrund für die Buchung eines «richtigen» Campingplatzes waren die Batterien des Campers. Diese laden sich zwar auch während der Fahrt wieder auf, doch ab und zu eine «volle Ladung» aus der Steckdose ist dennoch nötig. Wenn sich dabei gleich noch die Möglichkeit zu Duschen, die verschiedenen Tanks zu füllen oder leeren oder Kleidung zu waschen ergibt, dann ist es umso besser. Doch all diese Dinge können gut auch woanders erledigt werden. Ausschlaggebend ist wirklich der Strom. Besonders gut in Erinnerung geblieben sind uns diese drei Campingplätze, wobei die Gründe dafür sehr verschieden sind…
Wenig Luxus für viel Geld – unser kleines Südsee-Déjà-vue
Ein Campingplatz gleich ausserhalb des Denali Nationalparks. Es ist der einzige Platz, den wir mehrere Tage im Voraus gebucht haben, weil hier gleich mehrere erschwerende Faktoren hinzukommen: Wir sind in der absoluten Hochsaison unterwegs, die Campingmöglichkeiten im Park drinnen sind sehr begrenzt und zugleich ist der Denali Nationalpark einer der meistbesuchten Orte Alaskas. So bezahlen wir sehr stolze 70 US$ pro Nacht. Für einen lieblosen Stellplatz, eingepfercht zwischen anderen Campenden, die sich auch noch lautstark die halbe Nacht hindurch über vier Stellplätze hinweg miteinander unterhalten und Musik hören. Wir hingegen sind uns in Alaska an gratis Luxusplätze gewohnt: freie Platzwahl, keine bis wenig Camper, mit denen wir uns den Platz teilen müssen, allenfalls ein paar tierische Nachbarn, Ruhe und Frieden. In Neuseeland und Australien haben wir für die Hälfte dieses Preises auf einem top ausgestatteten Campingplatz übernachten können. Wir fühlen uns ein wenig ans Preis-Leistungsverhältnis in der Südsee zurückerinnert (siehe dazu unseren Blog #39: Hinter den Kulissen)
Als wir an die Rezeption gingen, um den Schlüssel für die Dusche holen zu gehen, erfuhren wir, dass das pro Person nochmals 10 US$ mache. Der ideale Zeitpunkt also, um rechtsumkehrt zu machen und unsere Dusche im Camper auszuprobieren. Frischwasser auffüllen und Abwasser entleeren waren im Übernachtungspreis nämlich inbegriffen :-)
Campingplatz mit Wellnessoase
Wer sagt schon nein zu einem Campingplatz, der gleich neben natürlichen Hotsprings liegt? Wir tun es auf keinen Fall. Insbesondere dann nicht, wenn wir von einem zehntägigen Roadtrip hoch zum arktischen Ozean kommen und in dieser Zeit genau einmal geduscht haben… Wir erlauben uns eine kleine Pause und laden – im wörtlichen und im übertragenen Sinne – unsere Batterien auf. Wir, indem wir uns ausgiebig in den wunderschönen, warmen Pools der Eclipse Nordic Hot Springs (in der Nähe von Whitehorse, Yukon) erholen und uns den Dreck und Schweiss des Dempster Highways wegspülen. Unser Camper, indem er zwei Tage an den Strom angeschlossen wird und dann später in der Stadt auch noch eine wohlverdiente Wäsche bekommt.
«Tag der offenen Tür» in Stewart
Nach einigen Tagen Wildcamping benötigen wir ein weiteres Mal Strom und eine Dusche. Am Ortsrand von Stewart liegt ein idyllischer Campingplatz, eingebettet in den Regenwald. Vom Yukon her auf dem Stewart-Cassiar Highway Richtung Süden unterwegs, planen wir den Abstecher nach Stewart und Hyder ganz bewusst ein – hier bieten sich nochmals grossartige Chancen, Bären zu beobachten und einen eindrücklichen Gletscher zu bestaunen (siehe unser fünfter Herzensplatz am Salmon Glacier weiter oben sowie diese Bildergalerie). Die Bären sind hier in grosser Anzahl vertreten, der Regenwald ist ihr Lebensraum. Wir kommen von der nahegelegenen Fish Creek Observation Site, wo wir Bären begegnet sind, unter anderem einem, der etwas gar draufgängerisch war... Es wäre somit nicht verwunderlich, wenn ein Bär durch das Campingareal laufen würde. Da wir schon relativ spät in der Saison unterwegs sind, sind wir in jener Nacht die einzigen Gäste auf besagtem Campingplatz. Und je weniger Betrieb, desto grösser werden diese Chancen. Am nächsten Morgen nutzt Michelle als erste die sanitären Anlagen: die Türen stehen sperrangelweit offen, im Inneren befinden sich Abfalleimer mit Essensresten. Die Duschkabinen sind lediglich mit einem Duschvorhang von den Lavabos abgetrennt. Leichter kann man es einem neugierigen Bären nicht machen. Während das Wasser aus der Duschbrause fliesst, fliessen auch Michelles Gedanken… Leicht angespannt schaut sie immer wieder hinter dem Duschvorgang hervor und prüft, ob die Luft weiterhin rein ist. Zwischendurch ein lautes Hüsteln oder bewusstes Räuspern, um auf sich aufmerksam zu machen. Es kommt kein Bär und auch kein anderer Mensch rein. Die Fantasie sorgt für ein kurzes, leicht paranoides Duscherlebnis, aber eines, das in Erinnerung bleibt.
Es gäbe noch so viele weitere Plätze, die es verdienen würden, hier erwähnt zu werden. War es bei vielen eine atemberaubende Aussicht, bei anderen die Nähe zum Startpunkt einer Tour oder auch bloss der Bedarf nach einer Steckdose, der uns zum Bleiben bewegt haben. So sehr wir das Wildcampen lieben und wann immer möglich bevorzugen – ganz ohne Infrastruktur geht es auf Dauer (zumindest mit unserem Set-up) dann doch nicht. So haben wir beide Camping-Varianten zu schätzen gelernt.
Natürlich gibt es auch einfache, offizielle Campingplätze für rund 20 Dollar, oft ebenfalls sehr schön und ruhig gelegen. Doch wenn wir für die gleiche Aussicht und bei ebenso fehlender Infrastruktur auch kostenlos übernachten können – und erst ohne Nachbarn – fällt uns die Wahl meist leicht. Wenn es allerdings ums Thema «Wandern in der Wildnis Nordamerikas» geht, ist es uns mehr als recht, wenn noch ein paar andere Leute auf demselben Wanderweg unterwegs sind. Von unseren Begegnungen und Erfahrungen auf Alaskas Wanderwegen erzählen wir im nächsten Blogeintrag.