#47: Auf dem Dempster Highway in Richtung Arktischer Ozean
Nach fünf wunderschönen Wochen in Alaska verlassen wir diesen fantastischen Bundesstaat fürs Erste (kleiner Spoiler: wir werden noch zwei weitere Male von Kanada zurück über die Grenze nach Alaska hüpfen). Wir begeben uns auf den Weg nach Dawson City und wählen dazu die Route über den Top of the World Highway. Die unbefestigte Strasse schlängelt sich den Bergrücken entlang. Da man immer wieder über die Baumgrenze hinauskommt, bieten sich – bei guten Wetterverhältnissen – tolle Panoramablicke. Als wir mitten im Nirgendwo die Grenze nach Kanada überqueren, schüttet es wie aus Kübeln. Der Zollbeamte möchte sein überdachtes Häuschen bei diesem Wetter auch nur ungern verlassen. Nach einem kurzen Blick auf unsere Pässe und ein paar Fragen, ob wir Kinder, Tiere, Feuerholz, Waffen oder Drogen mit uns führen, sind wir nun also in Kanada angekommen. Von der schönen Landschaft sehen wir erst mal nicht viel: nebst dem Regen verschleiert Nebel die Umgebung, zudem weht ein starker Wind. Keine guten Voraussetzungen also, um an einem exponierten Ort wie dem Top of the World Highway zu campen. Aber einfach nur durchfahren möchten wir auch nicht. Unser Plan ist demnach, gleich nach der Grenze einen möglichst geschützten Platz zu suchen. Zum Glück finden wir bald eine einigermassen geeignete Stelle und parken den Camper. Später gesellen sich noch zwei weitere Camper zu uns. Wo wir sonst beim Wildcampen meistens für uns allein standen oder andere Fahrzeuge zumindest weit verstreut waren, kauern nun plötzlich drei Camper dicht zusammen. Unser Camper ruckelt zwar ein wenig im Wind, doch dafür «verbläst» es über Nacht die Wolken und den Nebel. Am nächsten Morgen bestaunen wir bei knackigen -1°C die Aussicht über die bewaldeten Hügelketten, die sich bis zum Horizont erstrecken. Und noch etwas nehmen wir wahr: praktisch über Nacht ist es Herbst geworden. In die vielen Grüntöne hat sich heimlich ein Goldgelb geschlichen und erste orangerote Farbtupfer setzen Akzente. Bei schönstem Wetter setzen wir unsere Fahrt fort und erreichen – nach einer kurzen Fährpassage über den Yukon River – Dawson City. Hier findest du weitere Impressionen zur Fahrt von Valdez in Alaska über den Top of the World Highway bis nach Dawson City.
Top of the World Highway
Volles Programm in Dawson
Wir haben mittlerweile den 30. August. Die Wetterprognosen für die kommenden Tage sehen zwar recht gut aus, dennoch sollten wir nicht mehr allzu viel Zeit vertrödeln, wenn wir tatsächlich noch den Abstecher bis hoch zum Arktischen Ozean machen möchten. Eine Strecke von knapp 2000 Kilometern durch nahezu menschenleere Landschaft mit nur wenig Infrastruktur. Dafür planen wir etwa 10 Tage ein. Unsere Rechercheaufgaben haben wir bereits vorgängig erledigt. Nun heisst es, vor Ort aktuelle Informationen einzuholen und unsere Vorräte aufzustocken. Gleichzeitig möchten wir auch noch möglichst viel über die ehemalige Goldgräberstadt erfahren, die 1896 als kleine Siedlung begann und innerhalb von nur zwei Jahren während des Klondike Goldrausches auf schätzungsweise 30'000 bis 40'000 Einwohner anschwoll.
Knappe zwei Tage haben wir Zeit, um alles zu erledigen und ein wenig in die alten Goldgräberzeiten einzutauchen. Unser erster Gang führt uns zum Besucherzentrum. Eingedeckt mit Informationen und Flyern gönnen wir uns in einem Hotel ein ausgiebiges Frühstück und schustern unser Programm zusammen. Wir brauchen kanadisches Bargeld, Lebensmittel für zwei Wochen (Achtung: morgen ist Sonntag – welche Läden haben geöffnet?), hier in Dawson City einen Campingplatz, wo wir duschen und unsere Tanks auffüllen respektive entleeren können. Zudem müssen wir unsere Propangas-Flaschen befüllen und natürlich tanken. Am Nachmittag können wir uns einem historischen Stadtrundgang anschliessen. Für den nächsten Tag buchen wir eine Tour zur Dredge No. 4, einem ehemaligen schwimmenden Goldbagger. Und schliesslich erhalten wir im Jack-London-Museum spannende Einblicke in das Leben und Schaffen von Jack London. Basil bekommt noch den Auftrag, eine 2000km lange Playlist zusammenzustellen :-)
Zugeklebt
Ausgerüstet mit neuer Musik und ausreichend Lebensmitteln starten wir nach zwei Tagen in Dawson City in unser nächstes Abenteuer: auf dem legendären Dempster Highway geht es bis zum Arktischen Ozean hinauf (und auf gleichen Weg auch wieder zurück). Etwas mulmig ist uns schon zumute, denn im Netz kursieren die wildesten Geschichten. Von Leuten, die im Strassengraben gelandet sind, bis hin zu Diskussionen, ob denn nun zwei oder gar drei Ersatzreifen mitgeführt werden sollten. Auch über verschiedene Methoden, um (zu viel) Staub im Fahrzeuginneren zu vermeiden, haben wir einige Tipps gelesen. Kurz nach dem Abzweiger von der Hauptstrasse auf den Dempster halten wir deshalb nochmals kurz an und greifen auf eins unserer Lieblingswerkzeuge zurück: Klebeband. Schon in Australien hat es uns zur Bekämpfung unseres Mottenproblems gute Dienste erwiesen (mehr dazu kannst du in diesem Blog lesen). Hier soll es uns helfen, die Hecktüre zusätzlich abzudichten. Es sah zwar ziemlich krass aus, gebracht hat es aber nicht viel – der Staub findet dennoch seinen Weg in die Kabine. Boden, Tisch, Sitzbank, Küche, sogar die Pfannen in der Schublade sind mit einer Staubschicht überzogen. In den nächsten Tagen steht Putzen weit oben auf unserer ToDo-Liste… Wie man sich denken kann, ist es alles andere als praktisch, wenn man sich die einzige Tür in die Wohnkabine zuklebt. Doch was tut man nicht alles für ein bisschen weniger Staub… Nachdem wir auch noch das obligate Vorher-Selfie gemacht haben, geht es nun wirklich los!
Im Land der Karibus…
Wir sind überrascht, wie gut die Strassenverhältnisse sind. Bis in den Tombstone Territorial Park kommen wir zügig auf der praktisch schlaglochfreien Schotterstrasse voran. Im Besucherzentrum legen wir einen kurzen Stopp ein, fahren aufgrund des kühlen, nieseligen Wetters dann aber weiter und sparen uns diesen Park – der als «Patagonien des Nordens» gilt – für den Rückweg auf. Dennoch halten wir immer mal wieder am Strassenrand an, um die traumhafte Umgebung in Ruhe bestaunen zu können. Wir sind von Anfang an verliebt in den Dempster Highway, der uns durch abwechslungsreiche, unberührte und prächtige Natur führt. Der Herbst hat sich hier oben schon vollständig entfaltet: die Landschaft präsentiert sich in ihrem schönsten Herbstkleid. Wir stellen uns vor, wie es hier aussieht, wenn im Spätherbst die berühmte Porcupine-Karibuherde dieses Gebiet durchwandert und über 140'000 Karibus die weiten Ebenen durchziehen. Das muss ein absolut unbeschreibliches Erlebnis sein. Dafür sind wir jedoch etwas zu früh dran. Natürlich halten wir trotzdem immer Ausschau nach Tieren in Strassennähe. Anhalten ist praktisch überall möglich, viel Verkehr gibt es nicht. Eine der wenigen Ausnahmen: Baustellen. Wer «grün» hat, fährt einem Lotsenfahrzeug durch die gesamte Baustelle hinterher. Logisch, dass man da nicht einfach mittendrin anhalten kann. Im Spass sagen wir zueinander: «Muesch luege, am Schluss schtaht s einzige Karibu wiit und breit sicher genau imä Boustelleberiich…». Während sich eine Person aufs Fahren konzentriert, übernimmt die andere die Rolle des Spähers. Doch obwohl die Landschaft offen und übersichtlich ist, sehen wir am ersten Tag kein einziges Tier.
Ein brauner Fleck in der Landschaft
Am nächsten Morgen fahren wir zeitig los und begegnen lange Zeit keinem einzigen Fahrzeug. Wir geniessen die Ruhe und die friedliche Stimmung und halten dabei fleissig weiter Ausschau. Es scheint einfach zu sein, ein grosses Tier wie ein Karibu oder einen Bären in einer baumlosen Tundra-Landschaft ausfindig zu machen. Doch weit gefehlt. Wenn sich das Tier nicht genau in dem Moment bewegt, in dem man seinen Blick in diese Richtung schweifen lässt, hat man fast keine Chance, dieses auszumachen. Zu gut fügt es sich in die gelb-orange-rot-braune Umgebung ein. Plötzlich nehmen wir einen braunen Fleck wahr, der sich scheinbar bewegt. Wir halten am Strassenrand an und versuchen mit unserem Feldstecher den besagten braunen Fleck wieder zu finden. Handelt es sich tatsächlich um ein Tier oder ist es doch nur ein «Caribush» oder «Felsenbären» (mehr dazu findest du in diesem Blog)? Wir entdecken den Fleck wieder, der sich als waschechter Grizzlybär entpuppt. Da er sich ziemlich weit entfernt aufhält, hoffen wir, dass er früher oder später näher an die Strassse rankommen wird. Über eine halbe Stunde sitzen wir mit unseren Kameras und Feldstechern bewaffnet im Auto und beobachten, wie sich der Bär langsam von Beerenstrauch zu Beerenstrauch bewegt. Anstatt auf uns zuzukommen, bewegt er sich hügelaufwärts und gibt schliesslich eine perfekte Silhouette auf dem Hügelkamm ab, bevor er aus unserem Sichtfeld verschwindet. Was für ein Glück, dass wir genau zur richtigen Zeit an den richtigen Ort geschaut haben (und es nicht in einer Baustelle war).
Trubel am Polarkreis
Wenig später überqueren wir eine magische Linie – den Polarkreis. Ein Parkplatz und eine Infotafel erinnern einen daran, dass man nun offiziell ins Polargebiet kommt. Dorthin, wo im Sommer für eine gewisse Zeit die Sonne nie unter- und im Winter nie aufgeht. Wir legen eine Pause ein und beschliessen, dass wir hier auf dem Rückweg unbedingt übernachten wollen, weil die Aussicht so unglaublich schön ist. In den wenigen Minuten, wo wir die Umgebung in uns aufnehmen und die Infotafeln studieren, passieren zwei Dinge auf einmal: Etwa sechs weisse identische SUVs kommen an, spucken eine Gruppe Chinesen aus, die rasch ein paar Fotos knipsen und euphorisch mit einer Flasche Champagner auf die Überquerung des Polarkreises anstossen. Gleichzeitig fährt ein kleiner Umzugswagen mit zwei Personen von der Heilsarmee vor. Gibt es einen besseren Ort, um ein kleines Liedchen zu spielen? Nein – das finden auch sie und zaubern kurzerhand ein Keyboard und eine Trompete aus dem Umzugswagen. Waren wir vor weniger als fünf Minuten noch allein am Polarkreis, spielt nun die Heilsarmee ein Ständchen und wird dabei begeistert von der Gruppe Chinesen (und zugegeben auch von uns :-)) gefilmt. Nach weiteren fünf Minuten ist der ganze Zauber wieder vorbei. Der weisse Konvoi ist weitergezogen und auch die Heilsarmee hat ihre Instrumente wieder zusammengepackt und ist Richtung Norden gefahren. Hätten wir das nicht auf Bild und Video, hätten wir wohl glatt gedacht, geträumt zu haben. Völlig bizarr.
Reisegenossen
Wenig später entdecken wir einen weiteren Grizzly in der Landschaft. Auch dieses Mal ist es pures Glück – und wir fragen uns, an wie vielen Tieren wir wohl schon vorbeigefahren sind. Erneut können wir den Bären über einen langen Zeitraum beobachten. Irgendwann müssen wir weiter, denn wir wollen noch zu einer bestimmten Stelle, die gemäss anderen Reisenden ein besonders schöner Übernachtungsplatz sein soll. Es geht relativ steil den Hügel hoch zu einer etwas sandigen Stelle. Ein toller Platz für eine Pause, ein nicht so toller Platz für eine Übernachtung bei angesagtem Regen. So verbringen wir nur den verbleibenden Nachmittag oben und fahren für unser Nachtlager die Strasse etwas runter in «sicheres Terrain». Kurz vor Mitternacht werden wir von Stimmen geweckt. Draussen ist irgendwas im Busch. Wir öffnen unser Dachfenster und blicken auf einen riesigen Bus, der auf der schmalen, steilen Strasse versucht zu wenden. Gelotst wird er von ein paar Personen, die dem Fahrer das Wendemanöver erleichtern sollen. Daher also das Stimmengewirr. Wir fragen, ob wir kurz umparken sollen, damit der Bus besser wenden kann. Nein, nein, das sei nicht nötig. Sie würden es schon schaffen. Wenig später sind sie wieder in der Nacht verschwunden. Allerdings sehen wir den Bus auf der Strecke noch mehrere Male. Er gehört zu einer losen Gruppe von etwa fünf südamerikanischen Fahrzeugen, die den Aufklebern nach die Panamericana von Patagonien bis hier in den hohen Norden Kanadas gefahren sind. Wir stellen uns vor, was für eine unglaubliche Reise sie wohl schon hinter sich haben und sind gleichzeitig gespannt, was wir in nicht allzu langer Zeit selbst in Südamerika alles sehen und erleben werden.
Am Ende der Strasse
Wenn die Strassenverhältnisse es zulassen und wir gut vorwärtskommen, möchten wir heute gerne bis ans Ende der Strasse in Tuktoyaktuk (kurz: Tuk) fahren. Die beiden kurzen Fährfahrten bringen wir ohne allzu lange Wartezeiten hinter uns. Weil es ein so schöner Tag ist und wir noch genügend Vorräte haben, beschliessen wir, Inuvik erst auf dem Rückweg einen Besuch abzustatten und stattdessen weiterzufahren. Das Landschaftsbild ändert sich nochmals komplett: nördlich von Inuvik verschwinden auch die letzten Bäume. Stattdessen schlängelt sich die Strasse durch ein Labyrinth von vielen kleinen Seen, durch arktische Tundra mit flammenden Sträuchern und herbstlich gefärbten Flechten. Kurz bevor wir Tuk erreichen, sehen wir die ersten Pingos in der Ferne. Sie sehen aus wie kleine Vulkane, sind in Wirklichkeit jedoch erdbedeckte Eiskerne – ein seltenes Naturphänomen, das in Permafrostgebieten vorkommt. Dann erreichen wir Tuk – nach über 900 Kilometern durch nahezu unberührte Wildnis, wo wir lediglich an drei Siedlungen vorbeigekommen sind: Fort McPherson (ca. 700 Einwohner), Tsiigehtchic (ca. 200 Einwohner) und Inuvik (ca. 3500 Einwohner). In Tuk leben rund 1000 Einwohner. Hier, im hohen Norden Kanadas, wo die Strasse direkt am Arktischen Ozean endet. Im Besucherzentrum ausserhalb der Ortschaft buchen wir einen Stellplatz auf dem Campingplatz, der sich am äussersten Zipfel befindet. Wir erkundigen uns, wie es der Gemeinde gehe, da wenige Tage vor unserer Ankunft ein heftiger Sturm über Tuk gefegt ist. Häuser wurden beschädigt, Strassen geflutet, Boote zerstört und eine Menge Treibholz angeschwemmt. Sie seien zwar noch mit Aufräumarbeiten beschäftigt, aber das Wasser habe sich zum Glück rasch wieder zurückgezogen. Der Sturm war übrigens der Grund, weshalb die Heilsarmee auf dem Weg hierher war – sie haben Hilfsgüter gebracht.
Als wir durchs Dorf fahren, fällt uns tatsächlich vor allem das viele Treibholz auf. Die Strassen sind jedoch wieder normal befahrbar. Wir fahren bis ans Ende der Strasse, wo sich der Campingplatz und das berühmte blaue «Arctic Ocean»-Schild befindet. Irgendwie surreal, plötzlich hier zu sein. Die Strecke hat uns so unglaublich gut gefallen, dass wir uns jetzt schon auf die Rückfahrt freuen. Zuerst aber möchten wir diesen speziellen Ort geniessen und uns einen Pausentag gönnen. Wäre ja zu schade, wenn man einfach nur rechtsumkehrt machen und gleich wieder südwärts fahren würde. Für viele darf ein Bad im arktischen Ozean nicht fehlen – wir beschränken uns darauf, bis zu den Knien hineinzuwaten. Auf dem Campingplatz treffen wir auf die beiden Einheimischen Tina und ihre Mutter. Sie berichten uns von dem Sturm: Davon, dass Stürme an und für sich nichts Ungewöhnliches für sie seien. Normalerweise treten sie jedoch nicht zu dieser Jahreszeit auf. Von unserem Logenplatz direkt am Meer geniessen wir einen zauberhaften Sonnenuntergang. Bevor wir ins Bett gehen, sehen wir sogar noch ein schwaches Nordlicht über uns tanzen. Eine ruhige Nacht wird es allerdings nicht. Es stürmt erneut ziemlich stark und angesichts der Bilder und Erzählungen des erst vor wenigen Tagen durchgezogenen Sturms fühlen wir uns auf dem exponiert liegendem Campingplatz nicht wirklich wohl. Wir stehen sogar mal auf und gehen nach draussen, um zu sehen, wie hoch die Wellen gegen den Steinwall schlagen.
Infrastruktur am Ende der Welt
An unserem Pausentag in Tuk gehen wir es gemütlich an. Wir schlendern ein wenig durchs Dorf, fahren zu ein paar Aussichtspunkten und inspizieren die «Entsorgungsstation» – ein Rohr, das nach wenigen Metern direkt in die Lagune führt. Unser Abwasser vom Abwasch trauen wir uns mit einigermassen gutem Gewissen abzulassen, doch den WC-Tank entleeren wir nicht. Auch alle sonstigen Abfälle nehmen wir mit bis nach Whitehorse. Öffentliche Duschen gibt es in Tuk nicht, das soll sich aber allenfalls ab 2026 ändern. Frischwasser kann ebenfalls nicht aufgefüllt werden.
Da wir auf dem Hinweg Inuvik ausgelassen haben, möchten wir uns jetzt auf dem Rückweg die grösste Gemeinde entlang des Dempster Highways anschauen und insbesondere zwei Dinge erledigen, die inzwischen dringend geworden sind: unser Trinkwasservorrat auffüllen und duschen (die letzte ist schon ziemlich lange her…). Wir stoppen deshalb im Besucherzentrum und warten geduldig, bis die Dame am Schalter einer asiatischen Reisegruppe ihre Zertifikate zur erfolgreichen Überquerung des Polarkreises ausgestellt hat. Natürlich dürfen auch hier die entsprechenden Fotos nicht fehlen. Die Schalterdame posiert mit jedem Reiseteilnehmenden inklusive Zertifikat für ein Beweis- und Erinnerungsfoto. Danach kehrt wieder Ruhe ein und sie hat Zeit für einen ausgiebigen Schwatz mit uns. Sie erlaubt uns, unsere Wasserkanister oben in der Küche aufzufüllen. Nebenbei erfahren wir, wie es sie vor fast 20 Jahren hierher verschlagen hat, was sie am Leben in Inuvik besonders mag und dass wir knapp den Herbstmarkt verpassen. Sie würde uns aber dennoch empfehlen, kurz im Gewächshaus vorbeizuschauen – hier können die Einheimischen Obst und Gemüse anbauen. Der beste Tipp in unserem Fall: im Sportzentrum gebe es Gratis-Duschen – nichts wie hin! Endlich frisch geduscht, schlendern wir noch durch den Supermarkt. Hier bekommt man wirklich alles. Und auch die kleineren Supermärkte in Tuk und Fort McPherson haben genügend Auswahl, um sich reichhaltig einzudecken. Es ist also nicht nötig – wie wir es auf Empfehlung hin gemacht haben – für die gesamte Zeit Lebensmittel aus Dawson City oder Whitehorse mitzunehmen.
Tierische Begegnungen
Für die Rückfahrt nehmen wir uns Zeit. War auf dem Hinweg die Strasse noch sehr staubig, aber in einem sehr guten Zustand – so haben auf dem Rückweg kleinere Regenfälle die Strasse rasch matschig und rutschig werden lassen. Inwendig müssen wir nun nicht mehr so viel putzen, doch Aussen ist der Camper nun komplett mit Schlamm überzogen (und sorgt damit genau für den richtigen «Coolness-Effekt» für das Nachher-Foto :-)).
Wir freuen uns sehr, als wir einen Schwarzbären am Strassenrand entdecken. Obwohl er nur wenige Meter von uns entfernt durch das Gebüsch wandert und nach reifen Beeren sucht, können wir immer nur kurz einen Blick auf ihn erhaschen. Für ein gutes Foto ohne Zweige im Bild reicht es nicht. Wie sich im Nachhinein zeigt, ist dieser Schwarzbär tatsächlich der einzige, den wir auf unserer gesamten Zeit in Alaska und Kanada sehen (während wir bei den Braunbären auf rund 30 Tiere gekommen sind). Beim Tanken in Fort McPherson gesellt sich plötzlich ein neugieriger Silberfuchs zu uns. Ganz vorwitzig kommt er sehr nah an uns ran und hofft wohl auf ein Häppchen. So ist es ein ständiges «Stop and Go». Hier eine schöne Landschaft, da ein Schneehuhn, wieder ein besonders schöner Hügel, … Irgendwann kommen wir natürlich auch wieder an der Baustelle mit dem Lotsenfahrzeug vorbei. Wir trauen unseren Augen nicht, als direkt neben der Strasse mitten im Baustellengebiet vier Karibus stehen. Das kann doch nicht wahr sein! Jetzt fahren wir fast 2000 Kilometer durch die Wildnis, wobei etwa 10 Kilometer durch Baustellen sind. Und genau hier – im Lärm und Staub von Baumaschinen – stehen vier Karibus und wir können nicht mal anhalten. Wenn das kein perfektes Beispiel für eine selbsterfüllende Prophezeiung ist.
Der «schönste» Übernachtungsplatz auf dem Dempster
Die Strecken für den Rückweg haben wir so geplant, dass wir am Polarkreis übernachten können. Die Aussicht auf die umliegenden Hügel ist hier einfach phänomenal. Als wir dieses Mal ankommen, wartet kein Konzert und kein Champagner auf uns. Dafür treffen wir auf einen älteren Herrn, der ganz allein in seinem Auto unterwegs ist. Wir kommen ins Gespräch – gerade an so abgelegenen Orten ist es immer wieder spannend zu erfahren, woher es die Leute hierher verschlagen hat. Er erzählt uns, dass er in nur wenigen Tagen den gesamten Weg von Oregon (USA) bis hierher gefahren sei. Eine Meisterleistung, denn irgendwas mit seinen Beinen ist nicht in Ordnung. Er trägt Schienen und ist sehr wackelig auf den Beinen. Als er hört, dass wir aus der Schweiz kommen, ist er völlig aus dem Häuschen. Als wir dann noch berichten, dass wir bereits seit neun Monaten unterwegs seien, kommt er aus dem Staunen nicht mehr raus. Er findet das super und möchte unbedingt Fotos von uns vor dem Polarkreis-Schild machen. Während er schliesslich weiter nordwärts fährt, richten wir uns für die Nacht ein. In der Dämmerung nehmen wir direkt vor unserem Fenster ein heller Schatten wahr, der emsig hin und her fliegt. Wir steigen aus und erkennen, dass eine kleine Eule vor unserer Haustür am Jagen ist – das erlebt man auch nicht alle Tage.
Gemäss einer Rezension auf der iOverlander-App, unserer «Camping-Bibel», steht uns der allerschönste Platz jedoch noch bevor. Sie haben dort sowohl auf dem Hin- wie auch auf dem Rückweg übernachtet und fänden es das schönste Plätzchen auf dem ganzen Dempster. Also wirklich ganz, ganz toll! Dieses Prachtstück möchten wir uns nicht entgehen lassen. Als wir ankommen, vergewissern wir uns nochmals auf der App, ob wir richtig sind. Sind wir. Diesen Platz haben wir auf dem Hinweg auch schon gesehen. Er ist schön, keine Frage, aber auf dem Dempster ist es praktisch überall schön(er). Wir finden es lustig, wie unterschiedlich doch Geschmäcker sind und lassen es uns dann aber doch nicht nehmen, über Nacht hier zu bleiben. Später am Abend werden wir noch mit einem Nordlicht belohnt – eben doch ein spezielles Fleckchen.
Die Beine vertreten
Ein bisschen paradox ist es schon: Der Dempster Highway führt einen tagelang durch die Wildnis. Trotzdem gibt es kaum Wandermöglichkeiten. Natürlich könnte man einfach querfeldein losmarschieren, aber ganz so einfach ist das in der buschigen Tundralandschaft dann doch wieder nicht. Offizielle Wanderwege gibt es praktisch nur im Tombstone Territorial Park. Nach den vielen Stunden und Tagen mit wenig Bewegung sind wir dankbar, als wir auf dem Rückweg einigermassen gutes Wanderwetter erwischen und die Gegend doch noch zu Fuss erkunden können. Auf dem Sapper Hill Trail gewinnen wir in kurzer Zeit an Höhe und können schon bald aus der Vogelperspektive auf den Dempster Highway und den mäandernden Fluss hinunterblicken. Es ist faszinierend, wie stark sich in den wenigen Tagen, die zwischen Hin- und Rückfahrt liegen, die Farben verändert haben. Der Herbst scheint nochmals viel weiter fortgeschritten zu sein. Lange wird es nicht mehr dauern, bis die Landschaft unter einer dicken Schneeschicht begraben wird. Der Dempster bleibt trotzdem befahrbar – im Winter führen sogar Eisstrassen über die zugefrorenen Flüsse.
Auf zwei weiteren kurzen Wanderungen kommen wir etwas von der Strasse weg und können Einblicke in Seitentäler gewinnen. Am Aussichtspunkt des Grizzly Lake Trails hoffen wir zusammen mit ein paar anderen Wandernden, dass sich der Nebel verzieht und die Sicht auf die schroffen, kantigen Berge freigegeben wird. Ganz gelingt es nicht, doch es reicht aus, um für einen nächsten Besuch eine Mehrtageswanderung ins Hinterland des Tombstone Territorial Parks ins Auge zu fassen. Es ist einfach wunderschön. Wir haben die Gegend in all ihren Facetten erlebt: bei Sonne und Nebel, bei Regen und Wind, in Staub und Schlamm – und in den intensivsten Herbstfarben. Das ist Natur vom Feinsten.
Zurück auf Asphalt
Nach neun Tagen spuckt uns der Dempster wieder aus: Wir kommen zurück auf Asphalt – ein ganz seltsames Fahrgefühl nach so vielen Kilometern auf Schotterpisten. Wir sind fast ein wenig wehmütig, dass dieses Abenteuer nun zu Ende ist. Die Ruhe, der Frieden, die Abgeschiedenheit, die vielen kleinen Highlights und Erlebnisse auf der Route und allem voran die grandiosen Landschaften machen diese Reisetappe zu etwas ganz Besonderem. Es geht nicht darum, an den Arktischen Ozean zu fahren, ein Foto zu machen, wie man im kalten Meer schwimmt und dann von der Liste zu streichen. «Der Weg ist das Ziel» stimmt hier zu 100%. Vielleicht mag es erstaunen, aber die Zeit auf dem Dempster Highway ist tatsächlich zu den Top-5 unserer gesamten Reise aufgestiegen. Ein stilles, sanftes – ja vielleicht sogar auf den ersten Blick unspektakuläres Highlight im Vergleich zu etwas offensichtlicheren Highlights wie Schnorcheln mit den grössten Fischen der Welt (den Walhaien) oder einem Rundflug in die eisige Welt des grössten Berges Nordamerika (Denali).
Nach neun Tagen stehen wir nun also wieder am selben Schild, der Camper schön «paniert», aber ansonsten ohne Wehwehchen. Wir haben es ohne Panne, ohne Platten oder Steinschlag wieder raus geschafft. Um nicht gleich wieder in die Zivilisation eintauchen zu müssen, legen wir noch eine Zwischenübernachtung an einem schönen See ein, bevor wir am nächsten Tag nach Whitehorse fahren. Hier gönnen wir uns allen eine Spabehandlung: Der Camper wird in der Waschanlage von all dem Dreck und Staub befreit, und wir verbringen einen entspannten Tag in den Eclipse Hot Springs.
Viele weitere Bilder findest du in den beiden Bildergalerien «Dempster Highway I» und «Dempster Highway II».