#48: Kluane National Park und ein unerwarteter Höhenflug


Nachdem wir dreckig und staubig, aber unversehrt und vollends zufrieden vom grandiosen Dempster Highway zurückgekehrt sind, haben wir uns für zwei Nächte auf dem Campingplatz gleich neben den Eclipse Hot Springs – etwas ausserhalb von Whitehorse – einquartiert. Während unser Camper einen «Standtag» einziehen und seine Batterien mal wieder komplett aufladen darf, können wir bequem zu Fuss rüber zu den Hotsprings laufen. Hier geniessen wir eine ausgiebige Dusche bevor wir in den verschiedenen Pools der Hot Springs entspannen. In Whitehorse selbst stehen diverse organisatorische Tätigkeiten an: unser randvoller WC-Tank muss dringend entleert werden, Benzintank, Frischwassertank und Kühlschrank verlangen nach Nachschub, und auch ein Gang in einen Waschsalon ist bitter nötig. Unserem Camper gönnen wir eine gründliche Reinigung in der Waschanlage. Wir selbst geniessen ein leckeres Essen in einem indischen Restaurant und bummeln noch ein wenig durchs Stadtzentrum. Anstatt eine dritte Nacht in der Region Whitehorse zu verbringen, entscheiden wir, noch ein Stückchen Richtung Kluane National Park zu fahren und uns unterwegs ein ruhiges Plätzchen zu suchen.

Grosse Landschaft, kleine Schritte

Im Kluane National Park zeigt sich die Landschaft nochmals von ihrer eindrücklichsten Seite (hier geht es zur Bildergalerie). Nur schon vom Auto aus lassen sich die traumhaften Kulissen links und rechts der Strasse bestens bewundern. Wer wandern möchte, merkt bald, dass viele der markierten Wege sehr rasch sehr steil werden. In Kombination mit den vielen losen Steinen und Geröllfeldern alles andere als angenehm. So sind wir auf dem Kings Throne Peak Trail dann auch nach einer Weile wieder umgekehrt. Der Aufstieg ging ja noch – aber der Gedanke, das alles wieder hinunterzumüssen, hat uns dazu bewogen, frühzeitig umzudrehen. Bedeutend leichter war das Terrain auf dem Sheep Mountain Trail. Hier war es vor allem sehr staubig, sodass das Gehen auch nicht wirklich Freude gemacht hat. In der Hoffnung, hier Dall-Schafe zu sehen, haben wir diese Wanderung aber durchgezogen. Die Bilanz dieser Wanderung: keine Schafe, sehr viel Staub und mindestens ebenso viel Gefluche von Michelle :-)

Wie gesagt, weit gehen muss man nicht, um die Schönheit des Parks erfassen zu können. So haben wir gleich zwei Mal am Sulphur Lake übernachtet. Unseren Camper parken wir keine zwei Meter vom Seeufer entfernt. Vom «Stubenfenster» aus können wir eine Bisamratte beim Schwimmen beobachten. Der See ist spiegelglatt, sodass die Berge ein perfektes Ebenbild darin hinterlassen. Wir beobachten, wie das Licht am Nachmittag immer weicher und goldener wird, die Schatten länger werden und schliesslich der Himmel in ein zartes Rosa übergeht. Über uns funkeln die Sterne. Bei einem solch klaren, wolkenlosen Himmel lohnt es sich, immer mal wieder nach draussen zu gehen für einen Kontrollblick. Wir haben Glück und müssen uns noch nicht einmal allzu lange gedulden. Ein Nordlicht tanzt am Himmel. Vom blossen Auge ist es nicht sonderlich stark, auf der Kamera ist es deutlich besser zu erkennen. Dank der Spiegelung im See erscheint das Nordlicht noch eindrücklicher.

Überraschung in der Luft

Der Rundflug um den Denali (siehe dazu den Blog #46: Drei Arten, Alaska zu erleben sowie die dazugehörige Bildergalerie) war ein einmaliges Erlebnis. Diese unberührte Welt aus Gletschern, Bergen, Eis und Schnee möchten wir gerne noch einmal erleben. Was würde sich da besser eignen als das Kluane Icefield – dem grössten zusammenhängenden Gletscher-Eisfeld ausserhalb der Polarregionen? Der nächste Tag verspricht, nochmals richtig schön und sonnig zu werden. Wir nutzen die Chance und buchen spontan einen Flug…

Bis zum Einsteigen denken wir, dass wir uns auf einen einstündigen «normalen» Rundflug – ohne Gletscherlandung – begeben, denn das haben wir gebucht. Dementsprechend sind wir nicht sonderlich warm angezogen und haben auch nur unsere leichten Turnschuhe an. Wir stehen alle ums Kleinflugzeug (eine Schweizer Pilatus Porter mit Platz für sieben Personen) herum und lauschen den Sicherheitsinstruktionen des Piloten. Wie in Kleinflugzeugen üblich, werden die Passagiere nach Gewicht auf den Sitzen verteilt. Der Pilot fragt freundlich, ob die Sitzordnung für alle passt. Der eine Passagier meint, dass passe so – ansonsten könnten wir ja auf dem Rückweg immer noch die Plätze tauschen. «Haha, guter Witz» denken wir. Der ist wohl noch nie in einem so kleinen Flugzeug geflogen und ist sich nicht bewusst, dass die Platzverhältnisse so eng sind, dass keinesfalls während des Flugs ein Sitzplatzwechsel stattfinden kann. Aber nun gut, das wird er dann ja auch noch merken… Gerade als wir einsteigen wollen, kommt der Pilot mit einem breiten Grinsen zu uns zwei und meint: «Hey Leute, ihr bekommt ein Upgrade – alle anderen haben den Rundflug mit Gletscherlandung gebucht. Und unser zweiter Flieger wird gerade gewartet. Passt das so für euch? Oder müsst ihr im Anschluss gleich weiter? Mit der Gletscherlandung dauert es nämlich rund eine halbe Stunde länger.» Wer kann das schon Nein sagen – und plötzlich macht auch der Kommentar mit dem Sitzplatzwechsel durchaus Sinn ;-)

Wenig später sind wir in der Luft: Wir fliegen über gewaltige Berge und halten Kurs auf den zweithöchsten Berg Nordamerikas, den Mount Logan, der mit 5959m nur gute 200 Meter niedriger ist als der Denali. Es ist kaum in Worte zu fassen, was für unglaubliche Ausblicke sich uns einmal mehr bieten – am besten schaust du dir deshalb die Bilder in der Galerie an. Direkt vor dem Mount Logan ist die «Landebahn». Da es jedoch über Nacht geschneit hat, sind keinerlei Spuren mehr sichtbar. Der Pilot erklärt uns, dass er sich deshalb seine eigene Bahn zuerst präparieren müsse. Will heissen: Wir fliegen so tief, dass die Kufen unseres Fliegers eine Spur durch den Neuschnee ziehen. Anstatt zu landen, zieht er den Flieger dann aber wieder hoch. Wir drehen ab, fliegen eine Schlaufe und landen dann in der soeben kreierten Spur. Gespannt schauen wir aus dem Fenster und beobachten das Manöver. Obwohl wir sehen, dass die Kufen den Boden berühren und Schnee aufwirbeln, merken wir im Flieger nicht den Hauch eines Rucks. Schon sind wir wieder in der Luft und sehen nun die neue Landebahn unter uns. Die «richtige» Landung ist ebenfalls so sanft, dass wir sie nicht spüren – noch nie sind wir so weich gelandet. Weder auf dem Boden noch auf Wasser. Nur schon wegen dieser Landung hat sich das Upgrade mehr als gelohnt. Nun dürfen wir aussteigen: bei rund -6° C im Neuschnee fühlen wir uns mit unserer «Indoor-Flugkleidung» etwas unpassend gekleidet. Die kalten Füsse sind aufgrund des Panoramas aber bald vergessen. Wir befinden uns mitten in einer glitzernden Wüste aus Schnee und Eis. Um uns herum ragen tiefverschneite Berge auf. Es wirkt, als müssten wir der Kufenspur nur noch ein kleines Bisschen folgen und wären dann direkt beim majestätischen Mount Logan. Die Sonne strahlt mit uns um die Wette, kein Wölklein steht am Himmel. Die Luft ist rein und frisch. Noch etwas fällt auf: die Stille um uns herum. Absolut magisch!

Wie weiter?

Die Temperaturen waren nun schon viel zu lange viel zu hoch. Tatsächlich hat unser Thermometer bei Ankunft am Arktischen Ozean 19°C angezeigt und das im September weit über dem Polarkreis. Das Wetter und die Temperaturen werden jedoch demnächst kippen. Die Jahreszeiten sind im hohen Norden – abgesehen vom Winter – nur kurz. Ein Blick auf die Wetter-App bestätigt uns, dass es an der Zeit ist, weiterzuziehen. Ein weiterer Blick auf unseren Zeitplan bekräftigt unseren Entscheid. In knapp einem Monat müssen wir unseren Camper in Seattle abgeben – auf dem direktesten Weg liegen noch knapp 2700 Kilometer vor uns. 

Der direkteste Weg würde uns auf derselben Strecke, wie wir gekommen sind, wieder zurück nach Whitehorse führen. Die Alternative – weiter und logistisch betrachtet etwas umständlicher – würde uns nochmals nach Alaska bringen. Mit zwei wunderschönen Passfahrten, zwei Grenzübergängen, den beiden Küstenstädtchen Haines und Skagway sowie einer kurzen Fährfahrt. Über Nacht hat es geschneit, die verschneiten Berge erinnern uns mahnend daran, weiterzuziehen. Lange überlegen müssen wir nicht – wir entscheiden uns für die schönere Variante. Also nochmals Alaska :-)

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#47: Auf dem Dempster Highway in Richtung Arktischer Ozean