#49: Südwärts mit Umwegen
Die allgemeine Richtung ist seit längerem klar: südwärts! Vom Yukon Territory bis nach Seattle (USA) ist es noch ein weiter Weg. Unterwegs gäbe es noch so viel zu sehen. Doch langsam beginnt uns die Zeit davonzulaufen und der Herbst droht bald vom Winter eingeholt zu werden. Trotzdem lassen wir es uns nicht nehmen, nochmals einen kurzen Abstecher nach Alaska einzuplanen…
Überraschung am Strassenrand
Die Fahrt vom Kluane National Park (mehr dazu in unserem letzten Blog) nach Haines (Alaska) ist kurzweilig: staunend fahren wir durch die Gebirgstäler und über den Haines Pass. Plötzlich entdecken wir den Van der Franzosen am Strassenrand, die mit uns am Sulphur Lake im Kluane National Park übernachtet haben. Es stehen noch weitere Fahrzeuge da. Das kann eigentlich nur eines bedeuten: Tiere. Auch wir setzen unseren Blinker und reihen uns in die kleine Kolonne ein. Und schon entdecken wir den Grund des Auflaufs. Nur wenige Meter vom Strassenrand entfernt liegt ein Braunbär im Gebüsch und schläft. Kann es wirklich sein, dass ein Bär mitten am Tag tief und fest ein Nickerchen hält? Wir sind etwas besorgt und hoffen, dass der Bär nicht angefahren wurde und jetzt hier im Sterben liegt. So sitzen wir einige Zeit im Fahrzeug und warten, ob sich was tut. Wir sind erleichtert, als er sich endlich bewegt, sich aufsetzt und schüttelt, ein paar Mal herzhaft gähnt und sich schliesslich in Bewegung setzt. Offensichtlich hat er bloss Siesta gemacht, von einer Verletzung keine Spur.
Grossfamilie
Ohne Schwierigkeiten passieren wir die Grenze zurück nach Alaska. Wir kommen ins Tal und folgen dort dem Chilkat River, der später ins Meer mündet. Dort befindet sich das Fischerdorf Haines. Bekannt ist dieses Gebiet auch als «Tal der Adler», weil hier von Oktober bis Dezember Tausende Weisskopfseeadler zusammenkommen, um sich von den Lachsen im Chilkat River zu ernähren – eine der weltweit grössten Konzentrationen dieser eindrücklichen Vögel. Für dieses spezielle Spektakel sind wir allerdings noch ein wenig zu früh. Zwar sehen auch wir den ein oder anderen Weisskopfseeadler, doch die Anzahl ist sehr überschaubar. Weswegen wir unter anderem hierhergekommen sind, ist die Chilkoot Lake State Recreational Site. An diesem Ort trifft man mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit auf Bären, die im Chilkoot River fischen. Zuerst aber legen wir einen Stopp in der örtlichen Bibliothek ein. Unser Daten-Abo für die USA ist mittlerweile abgelaufen, so dass wir auf öffentliche WLAN-Verbindungen angewiesen sind. Wir sitzen zwischen den vielen Büchern und buchen für den übernächsten Tag Tickets für die Fährfahrt von Haines nach Skagway. Danach fahren wir in Richtung der Chilkoot Lake State Recreational Site und hoffen, dass sich ein paar Bären zeigen. Trotz des nieseligen Wetters ist einiges los. Mit Kameras, Stativen und Ferngläser ausgerüstet, stiefeln diverse Leute der Strasse entlang. Als wir auf der Strasse kurz anhalten, um mit dem Feldstecher die Umgebung abzusuchen, werden wir prompt von jemandem darauf hingewiesen, dass hier nicht angehalten werden dürfe. Wir sollen bitte einen Parkplatz suchen und dann zu Fuss weitergehen. Okaaay, das ist eine eher spezielle Vorgehensweise, wird man doch sonst überall darauf sensibilisiert, bei Wildtiersichtungen eben NICHT das Fahrzeug zu verlassen. Also parken wir und verlassen wie gewünscht den Schutz unseres Fahrzeugs, um uns auf Bärensuche zu begeben. Lange müssen wir uns nicht gedulden. Aus dem Gebüsch auf der gegenüberliegenden Uferseite stapft eine Bärenmutter mit ihren Jungen… eins… zwei… drei… und noch ein viertes! Unglaublich, auf eine solche Bären-Grossfamilie zu stossen. Eine ganze Weile können wir die Familie beim Fische fangen beobachten. Meistens ist es die Mutter, die die Fische aus dem Fluss holt und die Jungen, die sich dann um den Fisch streiten. Der Gewinner bringt den Fisch rasch von den anderen weg «in Sicherheit». Es wird miteinander im Wasser geplanscht, nach etwas Leckerem im Boden gegraben, auf Steine geklettert, usw. So süss die Kleinen auch zu beobachten sind, so traurig ist ihr Anblick auch. Zwei der vier Jungen sind extrem klein und das, obwohl der Winter vor der Tür steht. Wir bezweifeln, dass alle vier den Winter überstehen werden.
Wir übernachten direkt am Fjord, unweit der Recreation Area entfernt auf einer kleinen Parkbucht, die gerade gross genug für unseren Camper ist. So können wir am nächsten Tag in nur wenigen Minuten wieder zurück bei den Bären sein. Wir treffen wieder ein paar Bären an, doch die Mutter mit ihren Jungen lässt sich dieses Mal nicht blicken. Da das Wetter ziemlich garstig ist, bleiben wir die meiste Zeit im Camper und schlüpfen nur für gelegentliche «Kontrollgänge» in unsere Regenkleidung. Allzu viel Aktivität herrscht heute nicht.
Stürmische Zeiten
Am dritten Tag soll um die Mittagszeit unsere Fähre nach Skagway gehen. Als wir einchecken möchten, entschuldigt sich die Mitarbeiterin am Schalter in aller Form. Sie hätten uns erfolglos zu erreichen versucht: der Wind sei zu stark, weshalb alle Fährfahrten für den heutigen Tag eingestellt werden. Es tue ihr wirklich sehr leid. Sie habe uns aber bereits auf die morgige Fähre gebucht. Wir nehmen es gelassen – haben wir doch definitiv schon mehr als nur einen Tag Verspätung gehabt auf unserer Reise. Da es ziemlich stürmt und die Batterien des Campers mal wieder aufgeladen werden müssen, beschliessen wir für diese unplanmässige dritte Nacht in Haines auf einem Campingplatz direkt am Wasser zu übernachten. Wir warten die schlimmsten Böen ab, sprinten dann ins Sanitärhäuschen und gönnen uns eine warme Dusche. Den restlichen Tag verbringen wir im Trockenen unseres Campers und werden teilweise recht durchgeruckelt. Gleich neben dem Campingplatz befindet sich ein Restaurant – die perfekte Gelegenheit, um mal wieder auswärts essen zu gehen. Wir staunen nicht schlecht, als wir im Restaurant Schlange stehen müssen. Das Restaurant ist rappelvoll und das in einem Städtchen, wo ausser den Bären nichts los ist. Naja, wir haben ja Zeit und müssen heute nirgends mehr hin. Schnell gewinnen wir einen groben Überblick: im Restaurant befinden sich fast ausschliesslich Kreuzfahrt-Touristen, die hier «notlanden» mussten. Eigentlich hätten sie nach Skagway fahren sollen, was aufgrund des Sturms aber nicht möglich war. Die Passagiere haben stattdessen einen Landgang in Haines bekommen und sind nun in den paar lokalen Restaurants verteilt. Immer wieder kommt ein gestresstes Crewmitglied herein und gibt Updates: Mal heisst es, das Schiff sei ein Stück weiter weg in eine windstillere Bucht gefahren, dann wieder, dass sich nun alle sofort bereit machen müssen, da sie bald zurück an Bord gehen müssen. Also werden Speisen abbestellt, dann ein paar Minuten doch wieder neu bestellt, dann vielleicht nur die Vorspeise, aber dafür als Takeaway?! Das Restaurantpersonal ist heillos überfordert und gestresst ab den vielen Gästen und den ständig wechselnden Bestellungen. Mittendrin sitzen wir und verfolgen das abwechslungsreiche, leicht angespannte Geschehen um uns herum. Als dann irgendwann alle Passagiere wieder abgezogen sind, wird auch die Kellnerin etwas entspannter und erzählt, dass so ein Sturm relativ selten sei und es lediglich etwa einmal pro Saison vorkomme, dass Fähren storniert werden müssen. Wir sind froh, dass wir keine Angst haben müssen, dass unser Schiff ohne uns losfährt, sondern nur ein paar Meter rüber zum Campingplatz laufen müssen.
Schock in Skagway
Am nächsten Tag ist der Wind abgeflacht und wir können die kurze Fährpassage nach Skagway ohne Seegang geniessen. Als wir im Hafen von Skagway einfahren, trifft uns fast der Schlag: vier riesige Kreuzfahrtschiffe ankern bereits hier. Neben diesen Giganten sieht unsere Autofähre (mit Kapazität für etwa 300 Passagiere und rund 50 Fahrzeugen) wie ein kleines Spielzeugboot aus. Da es aufgrund des Sturms zu Verzögerungen gekommen ist, überfluten nun über 12'000 Personen die zahlreichen Souvenir- und Schmuckläden Skagways. Na bravo, denken wir uns und beschliessen, erst einmal nur einen Parkplatz und keine Übernachtungsmöglichkeit zu suchen. Unser erster Gang führt direkt ins Besucherzentrum. Wir wollen nur eine einzige Info: wann laufen die Schiffe wieder aus? Die ersten Schiffe gehen am frühen Abend, die letzten dann etwa um 21 Uhr. Alles klar, mehr brauchen wir nicht – nach einem sehr leckeren Salat in einem kleinen – zu unserer Verwunderung nicht stark besuchten – Restaurant kehren wir zum Camper zurück und verlassen Skagway wieder. Wir fahren bei Regen und im Nebel über den White Pass und suchen uns auf der kanadischen Seite einen schönen Übernachtungsplatz. Ganz allein am Ufer eines fantastischen Sees – was will man mehr?
Ein Wiedersehen in Carcross
Im beschaulichen Carcross legen wir eine Pause ein, besuchen den Emerald Lake und die Carcross Desert, eine Pseudowüste. Es fühlt sich seltsam an, im kanadischen Norden durch Dünen zu wandern. Rund um einem herum ist man eindeutig von kanadischer Wildnis umgeben, die paar Dünen mittendrin scheinen fehl am Platz. Dennoch ist es faszinierend, wie die beiden Landschaften nebeneinander existieren und stellenweise miteinander verschmelzen. Natürlich schauen wir auch kurz im Besucherzentrum vorbei. Wir sind keine fünf Minuten dort, als zwei bekannte Gestalten durch die Tür treten. Das gibt es doch nicht – da stehen tatsächlich Anne und Brad. Über einen Monat, nachdem wir uns das erste Mal begegnet sind, treffen wir uns per Zufall wieder. Sie waren damals in Alaska mit uns auf der Bärentour am Crescent Lake (siehe Blog #44: Im Reich der Bären). Obwohl wir erst um 19 Uhr wieder zurück am Wasserflugzeughafen waren, sind wir vier irgendwie nicht voneinander losgekommen. Wir haben geschwatzt und geschwatzt und geschwatzt. Plötzlich war es 22 Uhr und wir hätten alle noch eineinhalb bis zwei Stunden fahren müssen, jedoch in unterschiedliche Richtungen. Kurz bevor wir schliesslich losfuhren, haben wir noch die Nummern ausgetauscht. Von da an standen wir sporadisch in Kontakt. Dass wir genau gleichzeitig in Carcross Halt machen würden, war reiner Zufall. Sie meinten, sie hätten unseren Camper auf dem Besucherparkplatz gesehen und gedacht, sie schauen einfach mal nach… So vergeht auch hier die Zeit wieder wie im Flug. Wir stehen drei Stunden im Besucherzentrum und tauschen uns aus. Es fühlt sich an, als würden wir uns schon ewig kennen. Auch für Anne und Brad ist die grobe Richtung «südwärts», allerdings haben wir unterschiedliche Routen und Schwerpunkte geplant. Sie sind zeitlich flexibler, da sie Vollzeit in ihrem Camper leben. Wir hingegen haben ein konkretes Datum, wo wir unseren Camper in Seattle abgeben und ausreisen müssen. Ob sich unsere Wege noch einmal kreuzen werden?
Weitere Bilder zu «Carcross & Umgebung» sowie «Bären entlang der Strasse» findest du in den jeweiligen Galerien.