#52: Willkommen in Patagonien


Wie immer, wenn wir die Region wechseln, ist dies mit einer langen Anreise verbunden. Auf dem Papier ist der Reiseweg von Nordamerika nach Südamerika fast beängstigend lang. Mit unserem bisherigen Flugglück wäre es nicht verwunderlich, wenn auf dieser Route irgendwann irgendetwas schief gehen würde. «Schwachpunkte» gibt es genügend: Wir sind mit drei grossen Gepäckstücken unterwegs – dass mal eines nicht ankommt, wäre ein Novum auf dieser Reise –, müssen drei Mal umsteigen – hier bereiten uns insbesondere die 40 Minuten Umsteigezeit in Panama etwas Bauchweh – und sogar einmal (planmässig) übernachten. Doch im Gegensatz zu unserem Flug von der Schweiz nach Australien, wo wir bereits in Frankfurt für zwei Nächte gestrandet sind (mehr dazu kannst du im Blog #04: Endlich geht es los... oder auch nicht! nachlesen), den immerhin noch fünf Stunden Verspätung auf dem Flug von Neuseeland zurück nach Australien und den «beengten» Sitzbedingungen von Französisch-Polynesien in die USA (Details zu dieser Geschichte findest du in diesem Blog) verläuft alles reibungslos. Auf dem Flug von Los Angeles nach Panama sind wir zwar latent etwas angespannt, denn die sonst schon kurze Umsteigezeit wurde aufgrund einer Flugplanänderung auf 25 Minuten gekürzt. «Etwas angespannt» ist vielleicht falsch ausgedrückt. Innerlich haben wir uns wohl einfach bereits darauf eingestellt, dass wir unseren Anschlussflug in Panama nicht erwischen und somit dort auch noch eine Nacht verbringen müssen. Innerhalb von nicht einmal einer halben Stunde von einem internationalen Flug auf einen anderen umzusteigen und dabei auch noch das Gepäck umzuladen, ist in unseren Augen schon fast ein Ding der Unmöglichkeit. Wir schildern der Crew unsere Lage und fragen, wie sie die Chancen sehen, dass wir unseren Anschlussflug noch erreichen. Sie sehen das nicht so eng und meinen, das sollte eigentlich schon reichen, da wir das Terminal nicht wechseln müssen. Tja dann… Nach der Landung müssen wir uns für einmal sehr zusammenreissen, um nicht zu jenen Passagieren zu gehören, die aufspringen, sobald die Räder den Boden berühren, ihr Handgepäck aus den Gepäckfächern wuchten und dann noch zehn Minuten mit geknickten Köpfen im Gang stehen, weil es halt eben doch – wie immer – nicht schneller geht. Kaum sind wir auf der Gangway angekommen, können wir doch nicht mehr an uns halten und rennen los… Nach kaum 20 Metern Spurt stehen wir vor den Abflugtafeln am Terminal, verschaffen uns gehetzt einen Überblick und lokalisieren unser Ziel: Am Gate nebenan stehen die Leute Schlange für das Boarding des Flugs von Panama nach Santiago de Chile. Puh, nochmals gutgegangen! Unser Puls scheint sich beim blossen Anblick des Ziels zu beruhigen. Die restlichen 30 Meter von der Anzeigetafel zum Gate können wir schlendernd statt rennend zurücklegen – wer sagt denn, dass 25 Minuten nicht locker reichen :-)

Bei Sonnenaufgang kommen wir – inkl. allen Gepäckstücken! – schliesslich in Santiago an, die umliegenden Hügel sind in ein sanftes Rosa getaucht. Bis wir im Flughafenhotel sind, ist die Sonne zwar aufgegangen, aber es ist noch immer sehr früh. Eigentlich viel zu früh, um in ein Zimmer einzuchecken… Da wir nicht damit gerechnet hatten, überhaupt auf diesem Flug zu sitzen (vielmehr waren wir von einer Zusatznacht in Panama ausgegangen), hatten wir auch kein Early Check-In angefragt. So stehen wir nun morgens um halb 8 an der Rezeption und versuchen unser Glück. Dass unser Wecker am Vortag bereits um 02:30 Uhr geklingelt hat, ist uns wahrscheinlich anzusehen. Die junge Rezeptionistin schaut, was sie tun kann und wenige Minuten später beziehen wir dankbar unser Zimmer. Nachdem wir uns durch das Frühstücksbuffet geschlemmt haben, gönnen wir uns endlich eine wohlverdiente Mütze Schlaf.

Etwas mehr als 24 Stunden sind wir gesamthaft in Santiago. In die Stadt gehen wir nicht, stattdessen erholen wir uns von der langen Anreise und geniessen nach den vielen Wochen im Camper die Annehmlichkeiten eines Hotels: ein bequemes Bett, ein grosses, privates Badezimmer und ein hoteleigenes Restaurant. Frisch erholt nehmen wir am nächsten Morgen noch die letzte Etappe in Angriff: ein Inlandflug von Santiago nach Puerto Montt.


¿Habla español? – Sprechen Sie Spanisch?

In Puerto Montt wird uns allzu schnell bewusst, dass wir jetzt tatsächlich auf einem neuen Kontinent gelandet sind. Wir dachten, dass wir zumindest auf einem internationalen Flughafen noch mit Englisch durchkommen würden. Doch damit weit gefehlt. In der Ankunftshalle steuern wir direkt auf die Schalter der zahlreichen Autovermietungen zu. Alle sind besetzt – bis auf einen: unseren. Naja, kein Problem. Die werden schon noch auftauchen, schliesslich haben wir unsere Flugdetails angegeben. Weit können sie nicht sein. Nach weiteren verstrichenen Minuten fragen wir am Schalter nebenan, ob sie wissen, wo unsere Kollegen wohl sind. Sie verweisen uns auf eine Telefonnummer, die wir anrufen. Wenig später kommt jemand, grüsst knapp, fragt, ob wir Spanisch sprechen («Síííí, un poco...»), sitzt an den Schreibtisch und tippt auf seinem Handy herum. «Okaaay, kann man machen», denken wir uns und warten weiter geduldig. Dann streckt er uns sein Handy entgegen mit einer langen Google-Translate-Nachricht an uns: «Entschuldigung, ich spreche leider nicht gut Englisch. Es gibt ein Problem mit Ihrem Auto… Es ist leider noch kaputt und kann heute nicht mehr repariert werden… Ein Ersatzwagen der gleichen Kategorie ist auch nicht verfügbar… Aber wir haben ein anderes Auto in einer anderen Kategorie für Sie und können Ihnen dann morgen das richtige Auto bringen… Wo übernachten Sie denn heute? In der Nähe?». Naja, was auch immer «in der Nähe» bedeutet… Etwas mehr als eine Stunde Fahrt ist es nämlich schon… «Ach, gar kein Problem. Das ist gut. Dann könnt ihr nach draussen, dort wartet mein Kollege, der kann auch etwas Englisch. Der gibt euch den Ersatzwagen und kommt morgen mit dem anderen Auto vorbei. ¿Está bien?». «Jaja, klar, kein Problem.»


Südamerikanische Parkuhren

Im Ersatzauto machen wir uns auf den Weg in eine neue Welt. Alles fühlt sich eigenartig an: Seit über einem dreiviertel Jahr fahren wir das erste Mal wieder ein «normales» Auto, die schmale Strasse führt uns durch saftig, grüne Wiesen. Auf den Weiden entdecken wir Lämmer und Kälber – es ist alles sehr idyllisch. Was für ein Kontrast zu Seattle, wo sich der Herbst bereits am Verabschieden war. Und jetzt sind wir mitten im Frühling gelandet – irgendwie surreal.

Unterwegs zur Unterkunft möchten wir in Puerto Varas noch ein paar Einkäufe erledigen und Geld wechseln. Die erste etwas skurrile Situation erleben wir bei der Parkplatzsuche. Wir sind an Strassen vorbeigefahren, wo auf den Gehsteigen «menschliche Parkuhren» gestanden sind. Sobald man am Strassenrand «ihres» Abschnittes parkt, kommen sie zu dir und du kannst bei ihnen ein Parkticket lösen. Alles ganz einfach und unkompliziert. Mangels freier Parkmöglichkeiten sind wir noch ein Stück weitergefahren und haben dann – wie das hier eben gemacht wird – am Strassenrand geparkt. Nur konnten wir keine «menschliche Parkuhr» ausfindig machen. Also sind wir ein Stück zurückgegangen und haben die nächste Person gefragt, ob wir bei ihr bezahlen können. Wir hätten unser Auto dort hinten geparkt. Sie lacht und meint, dass die für jenen Strassenabschnitt zuständige Person bereits nach Hause gegangen sei. «Okay, also können wir nun bei Ihnen bezahlen?» Wieder lacht sie und verneint: Sie sei nicht für jenen Abschnitt zuständig. «Aha, na gut, bei wem können wir denn bezahlen?» «Na bei Niemandem!» «Okaaay, also gratis?» «Ja, gratis» «Sicher?» «Ja, gratis» :-)


Holz in den Ofen – Papier in den Eimer

Mit dem wichtigsten an Lebensmitteln eingedeckt und mit einem dicken Bündel chilenischen Pesos erreichen wir unsere erste Unterkunft in Patagonien: eine gemütliche Cabaña mitten im Wald. Die Besitzer geben uns eine kurze Einführung, insbesondere die Handhabung des Holzofens wird uns – natürlich alles auf Spanisch – erklärt. Zu dieser Jahreszeit sind die Temperaturen vor allem nachts noch empfindlich kalt. Wir werden den Ofen also benötigen… Falls wir Mühe haben, ein Feuer zu entfachen oder uns das Holz ausgeht, sollen wir uns einfach melden. Sie helfen uns dann gerne. Diese Sätze werden wir noch häufig hören. Es ist tatsächlich noch relativ kalt in der Cabaña, also heizen wir erst mal ordentlich ein. Dabei fühlen wir uns in die Zeit in Alaska (anno dazumal) zurückversetzt, wo wir ebenfalls mit Holz geheizt haben. So urig das Heizen mit Holz auch ist, so braucht es immer eine Weile, bis man den Dreh raushat. Bei Unterkunftswechsel alle 2-3 Tage ist das dann jeweils etwas schwierig. Sagen wir es so: die richtige Temperatur haben wir selten gefunden… In dieser ersten Cabaña haben wir ein offenes Schlafzimmer im oberen Stock. Während wir unten im Wohnbereich mit einem dicken Pullover rumlaufen, ist es oben bereits brütend heiss. Am nächsten Morgen ist es dafür wieder überall kalt, weil wir nachts nicht aufgestanden sind, um Holz nachzulegen. Wir werden uns schon arrangieren.

Auf dem Stillen Örtchen gibt es in Südamerika ebenfalls eine Sonderregelung: WC-Papier gehört nicht ins WC, sondern in den Abfalleimer. Meist ist es überall gut sichtbar angeschrieben, manchmal in lustigen mehrsprachigen Übersetzungen. Eigentlich eine simple Regel, würde man meinen. Wären da nicht die alten Gewohnheiten. Mehr als einmal passiert es: «… upps… Mist… Sooorry!». Trotzdem gewöhnen wir uns rasch an diese neue Regel, sogar so gut, dass wir nach unserer Rückkehr in die Schweiz immer kurz überlegen müssen, ob es jetzt OK ist, das Papier wieder in die Toilette zu werfen.

Wandern hat seinen Preis

Unser erster Ausflug führt uns einmal um den See Lago Llanquihue herum. Das Wetter ist zwar etwas durchzogen, sodass wir das Postkartenmotiv – den schneebedeckten Osorno Vulkan mit dem tiefblauen See im Vordergrund – nicht sehen. Dafür geniessen wir sonst die neuen Landschaften und kräftigen Farben in vollen Zügen und unternehmen einen Spaziergang zu einem hübschen Wasserfall. Hier lernen wir auch gleich eine weitere Lektion: wer wandern will, muss zahlen. In diesem Fall ist es eine «freiwillige» Gebühr für den Parkplatz, in den meisten anderen Fällen sind es Gebühren für den Nationalpark, den Wanderweg oder was auch immer. Pro Person und Parkbesuch fallen gut und gerne jedes Mal zwischen acht und zehn Franken an. Das summiert sich mit der Zeit. Ein Jahresabo oder ähnliches gibt es in Chile nicht, wir werden also die nächsten zwei Monate wohl oder übel noch das ein oder andere Mal zur Kasse gebeten werden.

Andere Länder, andere Sitten

Wir sind noch immer in unserer ersten Unterkunft in Patagonien, als Michelle ein WhatsApp bekommt: «Hi, ich bin M-A. Du hast bei uns eine Übernachtung gebucht. LG». Jep, denken wir uns. Danke für die Nachricht. Wir wissen, dass wir eine Nacht bei dir gebucht haben. In einem Monat. In Argentinien. Willst du uns einfach nur darüber informieren oder möchtest du uns mit deiner Nachricht noch was anderes mitteilen? Oder etwas fragen, vielleicht? Es stellt sich dann heraus, dass er mal kurz nachfragen wollte, ob wir denn gedenken, bei ihnen zu essen. Da es weit und breit um seine Estancia herum nichts gibt, ist die Frage eigentlich überflüssig. Aber wir sagen doch schon mal zu – sicher ist sicher :-) M-A hat mit seiner WhatsApp den Auftakt zu unseren Erfahrungen mit Sozialen Medien in Patagonien gemacht. Auch hier lernen wir schnell: 1) ohne WhatsApp geht nichts. 2) Eine Buchungsbestätigung mit den Informationen zu Check-In- und Check-Out-Zeiten allein reicht nicht aus. Innerhalb kürzester Zeit hat Michelle doppelt so viele WhatsApp-Kontakte wie bisher. Alle paar Tage (da wir ja regelmässig die Unterkunft wechseln…) kommt eine neue Nachricht: Hallo, ich bin xy. Ihr habt übermorgen eine Nacht bei uns gebucht. Check-In ist zwischen 15 und 18 Uhr. Wisst ihr schon, wann ihr ankommt? Von nun an müssen wir bei jedem Unterkunftswechsel angeben, wann wir ankommen werden, weil das Zeitfenster des Check-Ins wohl nicht reicht. Manchmal kommt aber auch die Antwort, dass es eigentlich nicht drauf ankomme, sie seien ja eh dort. Ähnliches wiederholt sich jeweils beim Check-In: «Also, Frühstück gibt es zwischen 7:30 und 9:30 Uhr. Um welche Zeit wollt ihr frühstücken?» In Gedanken antworten wir «tja, dann wohl irgendwann zwischen halb acht und halb zehn», weil wir es inzwischen besser wissen, geben wir jedes Mal eine konkrete Zeit an und (da drückt der Schweizer in uns durch) gehen dann auch pünktlich zur vereinbarten Zeit frühstücken. Im Gegensatz zur absoluten Flexibilität beim Campen sind diese neuen Vorgaben auf Dauer etwas zu viel des Guten. Es wäre deutlich entspannter, wenn wir unser Ankommen nicht jedes Mal mit einer konkreten Zeit bestätigen und unser Frühstück auch einfach mal spontan nach Lust und Laune im vorgegebenen Zeitfenster einnehmen könnten. Aber so ist es halt. Andere Länder, andere Sitten.

Der Autowechsel hat indes gut geklappt. Per WhatsApp (what else?!) wurden wir über die ungefähre Ankunftszeit des neuen Autos informiert. Jetzt kann unser Roadtrip bis in den äussersten Süden Südamerikas definitiv losgehen. Und schon steht das erste Highlight bevor: eine erste dreitägige Wanderung in einem privaten Naturschutzgebiet.

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#51: Ein paar Zahlen & Fakten zu unserem Alaska-Kanada-Aufenthalt