#34: Highlights im Roten Zentrum


Als wir Alice Springs erreichen, sind wir erstmals erstaunt, als wir mitten im Nirgendwo plötzlich in eine «Grossstadt» mit immerhin ca. 30'000 Einwohner/innen kommen. Wir wurden schon von verschiedenen Stellen vorgewarnt: Die Stadt sei «nichts schönes» und gelte als unsicher. Es wird davon abgeraten nach Einbruch der Dunkelheit zu Fuss unterwegs zu sein. Sein Fahrzeug sollte man nicht in der Stadt abstellen. Wir quartieren uns auf einem eingezäunten Campingplatz etwas ausserhalb von Alice Springs ein. In die Stadt gehen wir mit dem Taxi. Der erste Eindruck bestätigt, was uns bereits prophezeit wurde: alles ist eingezäunt, die Tore sind mit dicken Schlössern versehen, viele Fenster sind beschädigt. Nicht gerade einladend für einen Bummel durch die Stadt. Dennoch haben wir hier ein paar tolle Sehenswürdigkeiten besucht, die in unseren Augen unbedingt zu einem Besuch des Roten Zentrum mit dazu gehören.

Zu Besuch bei den Känguru-Waisen 

Das Kangaroo Sanctuary von Chris ‘Brolga’ Barns bietet die einmalige Gelegenheit, Kängurubabys (sogenannte «Joeys») nicht nur aus nächster Nähe zu betrachten, sondern sogar selbst halten und rumtragen zu können. Kurz vor Sonnenuntergang startet der Rundgang durch Chris’ Schutzgebiet. Mit dabei – in einer Umhängetasche oder einem Kissenbezug – sind zwei Waisenjunge. Die meisten Jungtiere landen hier, weil ihre Mütter überfahren wurden. Chris appelliert deshalb an alle, die in Australien unterwegs sind: habt immer einen alten Kissenbezug im Auto. Haltet an, wenn ihr irgendwo ein überfahrenes Känguru seht und prüft, ob sich im Beutel noch ein Junges befindet. Falls ja, dann steckt es in den Beutel und bringt es in die nächste Gemeinde. Fast überall gäbe es Personen, die die Kängurus (zumindest für’s erste) aufnehmen und dann ins Sanctuary bringen. Während wir auf dem Rundgang vieles über Kängurus lernen und die grösseren Tiere frei um uns rumhüpfen, werden die beiden Babys etwa alle 5 Minuten an die nächste Person weitergereicht. Es ist nicht gestattet, die Jungen zu streicheln oder zu küssen. Zuerst denkst du dir noch, na klar, als würde ich ein «Kängi» küssen wollen. Als er uns dann die Jungen zum ersten Mal zeigt, sind von allen (jung und alt, Mann und Frau) entzückte «ooooohhhh»’s, «jöööööö» ’s und «soooo süüüüüss» zu hören. Sobald man dann den Beutel mit seinem entzückenden Inhalt selbst in den Händen hält, muss man sich echt zusammenreissen, um diese herzigen, kleinen Tierchen nicht zu knuddeln, und ja, zu küssen. Ein absolut unvergessliches Erlebnis!

Hilfe aus der Luft

Nicht ganz so viel Jööö-Faktor, aber äusserst interessant und sehenswert ist das Museum der Royal Flying Doctor Service Alice Springs. Ist es bei uns selbstverständlich, dass man in einem Notfall innerhalb kürzester Zeit medizinische Hilfe erhält, so sieht das im australischen Outback ganz anders aus. Viele Leute leben etliche Fahrstunden entfernt auf Viehfarmen (sogenannten «Stations») oder in kleinen Gemeinden. Der Zugang zu medizinischer Versorgung war lange Zeit praktisch nicht vorhanden. Wir lesen über den Fall «Jimmy Darcy», einem Viehzüchter, der vor über 100 Jahren einen Arbeitsunfall mit schweren Verletzungen erlitt. Der nächste Arzt befand sich im fast 3000 Kilometer entfernten Perth. Obwohl ihm in der nächstgrösseren Siedlung so gut wie möglich zu helfen versucht wurde, erlebte er die Ankunft des Arztes aus Perth nicht mehr. Er verstarb wenige Stunden, bevor der Mediziner nach einer knapp zweiwöchigen beschwerlichen Reise endlich vor Ort eintraf. In den 1920er Jahren wurde aufgrund dieser Missstände schliesslich die «fliegenden Doktoren» gegründet. Heutzutage werden nicht nur medizinische Notfälle behandelt und transportiert, sondern beispielsweise auch Beratungen zu psychischer Gesundheit gemacht, zahnärztliche Leistungen erbracht oder telemedizinische Hilfe geboten. Im interaktiv gestalteten Museum fliegen wir zu verschiedenen Notfällen, hören verschiedene Perspektiven von Patient/innen und Fachpersonen, sehen, welche Flieger gerade wo im Einsatz sind, etc.

Bildung aus der Luft

Wie man sich gut vorstellen kann, war für die Bewohner/innen des Outbacks lange Zeit nicht nur die medizinische Versorgung eine Herausforderung… Ähnlich schwierig gestaltete sich der Zugang zu Bildungsangeboten. Es dauerte bis ins Jahr 1951, bis die erste «School of the Air» gegründet wurde. Mit denselben Funktechnologien, die für die Flying Doctors verwendet wurden, sollen nun auch Kinder in abgelegenen Gegenden unterrichtet werden können. Wurde zu Anfangszeiten der Unterricht per Funk durchgeführt, so wurde er mit fortschreitendem technischem Wandel später via Satellitentelefon und heutzutage per Internet durchgeführt. Die technischen Geräte dafür werden den Familien zur Verfügung gestellt und vor Ort eingerichtet. Es finden zudem auch jährliche Treffen statt, wo die Kinder zusammenkommen, sich miteinander austauschen und spielen können. Beide Institutionen (Royal Flying Doctor Service Alice Springs & School of the Air) sind so aussergewöhnlich und spannend, dass sie bei einem Besuch von Alice Springs zum Pflichtprogramm gehören.

Verlorener Gegenstand…

Nach ein paar spannenden Tagen in Alice Springs und einer wohlverdienten Fahrpause, machen wir uns jetzt wieder auf den Weg in Richtung Uluru (Ayers Rock). Um die lange Fahrt (ca. 470km) ein wenig aufzubrechen, machen wir einen Abstecher ins Rainbow Valley, wohin wir über eine Schotterstrasse gelangen. Obschon wir nun schon über 1500 km in unserem «neuen» Camper zurückgelegt haben, so ist es doch die erste ungeteerte Strasse. Der jetzige Camper ist viel besser gefedert, sodass die Erschütterungen durch die Wellblechpisten für uns kaum noch spürbar sind. Die Belastung auf das Material des Fahrzeugs und Kabine ist aber natürlich nach wie vor gross. Gut möglich, dass sich hie und da mal eine Schraube lockert… Wir hingegen geniessen erstmal den neuen Fahrkomfort und freuen uns über den schönen Campingplatz, der sich in Gehdistanz zu den Felsformationen im Rainbow Valley befinden. Bei einem Spaziergang können wir beobachten, wie am späten Nachmittag die Felsen beschienen und schön zu leuchten beginnen und dann – wie wir es auch schon an der Westküste (siehe #25: Auf ins Abenteuer West-Australien) beobachtet haben – kurz nach Sonnenuntergang nochmals «nachglühen». Nach einer weiteren kalten Wüstennacht sind wir froh, als wir wieder in die Fahrkabine steigen und uns dank der dortigen Heizung bald wieder warm wird. Wir fahren dieselbe Schotterstrasse zurück bis zum Abzweiger und machen dann nochmals einen kleinen Schlenker (wieder über eine Schotterstrasse) zu den Henbury Meteoritenkratern. Als wir beim Besucherparkplatz aussteigen und unsere Rucksäcke aus der Wohnkabine nehmen möchten, starren wir etwas ratlos auf die Kabinentür. An der Tür an und für sich ist nichts auszusetzen, doch die Türfalle ist spurlos verschwunden (es hat sich wohl tatsächlich eine Schraube gelockert…). Da stehen wir nun, «ausgesperrt» aus unserem Camper mitten im Outback. Ein paar Werkzeuge haben wir zwar dabei, doch die befinden sich – Trommelwirbel… – in der Wohnkabine. Not macht bekanntlich erfinderisch und so finden wir in der Aussenküche eine Grillzange, mit der wir den Vierkant unter der Türfalle aufdrehen können. Drinnen schnappen wir uns unser Schweizer Taschenmesser (Multitool), welches von jetzt an als unser «Türöffner» fingiert.

Uns ist klar, dass wir die restliche Zeit (noch eine gute Woche) ohne Türfalle zurechtkommen müssen, denn hier im Outback ist auf die Schnelle wohl kaum eine aufzutreiben. Etwas unpraktisch ist es schon, dafür haben wir jetzt noch einen zusätzlichen Einbruchschutz :-)

Fotos zum Rainbow Valley und den Henbury Meteoritenkratern findest du in dieser Galerie.

Majestätischer Uluru – DAS Wahrzeichen Australiens

Endlich können wir das bekannteste Wahrzeichen Australiens, den Sandsteinmonolith Uluru (Ayers Rock), mit eigenen Augen betrachten. Auch wenn man schon unzählige Bilder von ihm gesehen hat, so ist es «in Echt» etwas ganz Spezielles. Dieser rote, heilige Berg, der wie aus dem Nichts aus der endlosen Weite des Outbacks emporragt. Der mit 348m Höhe eigentlich nicht sonderlich hoch ist, aber dennoch sehr majestätisch und imposant erscheint. Der je nach Tageszeit immer wieder seine Farbe ändert. Ein Ort, an dem man sofort spürt, dass er etwas Besonderes ist. Für das Volk der Anangu hat er eine immense spirituelle und kulturelle Bedeutung – er ist ihr heiliger Berg. Es ist ein Ort, für den man sich Zeit lassen soll. Mit einmal kurz «Sonnenuntergang gucken» kann man ihn nicht richtig erfassen. Wir nehmen an einem Ranger Talk teil, um mehr über den Berg, aber auch über die hier lebenden Aboriginal People sowie die Flora und Fauna zu erfahren. Dann umrunden wir den Uluru zu Fuss auf einer rund 10 km langen Wanderung (die Besteigung des Uluru ist zum Glück seit 2019 nicht mehr gestattet) und besuchen das Cultural Centre. Wir kommen zu unterschiedlichen Tageszeiten zurück und besuchen verschiedene Viewpoints, um den Uluru aus diversen Perspektiven betrachten zu können. Ein absolutes Highlight ist ein Rundflug bei Sonnenuntergang! Bei diesem 30-minütigen Flug sieht man nicht nur den Uluru in den schönsten Farben erstrahlen, man fliegt zudem auch um die nicht weit entfernten Kata Tjutas (The Olgas). Sie liegen ca. 50 Kilometer vom Uluru entfernt und bestehen aus insgesamt 36 riesigen Sandsteinkuppeln. Auch bei ihnen handelt es sich um einen heiligen Ort. Und auch hier verbringen wir ausreichend Zeit, um diesen Ort auf uns wirken zu lassen. Wir schauen uns die Kuppeln aus der Nähe an und beobachten (von etwas weiter weg), wie die ersten Sonnenstrahlen die Felsen leuchten lassen.

In diesen Galerien findest du mehr Fotos zum Uluru und Kata Tjuta

Ein Lichtermeer im Outback

Nicht weit vom Ayers Rock Resort aus, wo alle touristischen Einrichtungen (Hotels/Campingplatz, Restaurants, Supermarkt, etc.) angesiedelt sind, befindet die Field of Light. Diese gewaltige Lichtinstallation von Bruce Munro erstreckt sich über eine Fläche von über sieben Fussballfeldern und zählt über 50'000 Glühbirnen, die in wechselnden Farben aufleuchten. Im eigenen Tempo kann man sich auf einem Netz an Spazierpfaden durch das gigantische Lichtermeer bewegen. Die unzähligen Lichter sind wirklich sehr eindrücklich und sie bieten einen regelrechten Spielplatz für Fotograf/innen. Wir haben beinahe unseren Rücktransfer verpasst, weil wir die Zeit völlig vergessen haben: schwenken, zoomen, drehen – was für ein Spass!

Wandern im bekannten Kings Canyon und in der weniger bekannten West MacDonnell Ranges

Ein Besuch im Roten Zentrum wäre nicht vollkommen, wenn man nicht noch mindestens eine weitere Sehenswürdigkeit in sein Programm aufnehmen würde. Die Rede ist vom Kings Canyon – einer Schlucht, die sich auf mehreren Wanderwegen erkunden lässt. Wir entscheiden uns für den Rim Walk, eine rund 6km lange Wanderung mit spektakulärer Aussicht. Die sechs Kilometer sollten nicht unterschätzt werden: Insbesondere in den Sommermonaten kann es brütend heiss werden (sodass bei grosser Hitze der Weg ab 09 Uhr gesperrt wird) und gleich am Anfang ist ein steiler Anstieg zu bewältigen. Wir kommen nicht wegen der Hitze nicht schnell voran (bei unserem Besuch liegen die Temperaturen weit unter 30°C), sondern weil wir immer wieder die Aussicht geniessen und es so viele schöne Fotomotive gibt :-)

Einige unserer Eindrücke, die wir auf dem Rim Walk gesammelt haben, sind hier zu finden.

Vom Kings Canyon aus gibt es zwei Hauptrouten, die einem wieder zurück nach Alice Springs bringen: Auf demselben, geteerten Weg wie man hergekommen ist (auf der Luritja Road in Richtung Uluru, dann weiter auf dem Lasseter Highway und schliesslich auf dem Stuart Highway) oder aber «hintenrum» über die unbefestigte Mereenie Loop Road. Da wir über einen 4x4-Camper verfügen, ist die Entscheidung schnell gefallen. Kaum wechselt der Strassenbelag von Teer zu Schotter, sind wir auch schon allein unterwegs. In der Abgeschiedenheit treffen wir auf eine Herde Wildpferde, die vor uns die Strasse überquert. Ein weiterer magischer Augenblick auf dieser Reise. Nun haben wir nur noch wenige Tage übrig, um zumindest einen Teil der West MacDonnell Ranges und die Finke Gorge zu erkunden. Hier ein Spaziergang, dort eine kurze Wanderung. Plötzlich ist es Zeit, sich vom roten Kontinent zu verabschieden…

In den Galerien «West MacDonnell National Park & Finke Gorge National Park» sowie «Rotes Zentrum – Diverses» haben wir weitere Bilder zusammengestellt.

Goodbye Australia! 

Wir haben insgesamt fast 4 Monate in Australien verbracht. Nun ist es an der Zeit, weiterzuziehen. Nicht ganz unglücklich darüber, dass die kalten Nächte (um den Gefrierpunkt) während der letzten beiden Wochen nun bald passé sind, wenden wir uns unserer nächsten Destination zu: wir geben unseren Camper (ohne Türfalle) in Alice Springs ab, fliegen nach Sydney (wo wir einmal übernachten) und von dort aus weiter via Auckland nach Papeete (Tahiti, Französisch Polynesien). Vor uns liegen zweieinhalb entspannende Wochen, wo wir in der Südsee «Ferien vom Reisen» machen! Das denken wir zumindest zu diesem Zeitpunkt…

Australien – ein Kontinent, der für uns beide Neuland war. Ein Land, dass uns mit seiner Vielfalt, seiner exotischen Flora und Fauna, seiner schier endlos scheinenden Weite und seiner kräftigen Farben – in seinen Bann gezogen hat. Ein Land, von dem wir auch nach vier Monaten Reisezeit, erst einen Bruchteil gesehen haben und wir gerne noch weitere Ecken erkunden möchten. Aber auch ein Land, wo man sich die schönen Plätze und «guten Bilder» häufig hart erarbeiten muss. Und ein Land, von dessen Tierwelt (nein, wir sprechen nicht von putzigen Kängurus…) Michelle erstmals eine kleine mentale Pause braucht.

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#35: Ihr habt es ja soooo schöööön!

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#33: Ein weiter Weg ins Rote Zentrum