#33: Ein weiter Weg ins Rote Zentrum


Unsere letzte Etappe in Australien liegt vor uns: Wir machen uns auf den Weg ins Rote Zentrum! Bisher haben wir in Westaustralien bereits 7’629 Kilometer zurückgelegt. In den nächsten beiden Wochen liegen nochmals fast 4’000 Fahrkilometer vor uns.

 

Australische Distanzen im europäischen Vergleich

Wir sind nun doch schon seit einer Weile in Australien unterwegs und JA, es stimmt: Die Distanzen zwischen einzelnen Ortschaften oder Sehenswürdigkeiten sind tatsächlich sehr gross (insbesondere hier in Western Australia und dem Northern Territory). Wie in unserem letzten Blogeintrag beschrieben, mussten wir in Darwin einen Fahrzeugwechsel vornehmen. Dafür sind wir die Strecke von Katherine nach Darwin «doppelt» gefahren. Insgesamt sind das 640km, also eben mal kurz von Basel nach Frankfurt am Main und wieder zurück. 

Um von Darwin ins Rote Zentrum zu gelangen, fährt man «ein gutes Stück», genauer gesagt sind es 1’500 km von Darwin nach Alice Springs, was der Strecke von St. Gallen nach Valencia entspricht. Dass es sich hierbei um eine weite Distanz handelt, war uns durchaus bewusst. Naiverweise haben wir dann aber angenommen, dass im Roten Zentrum – also sobald man eeeendlich Alice Springs erreicht– alle weiteren Sehenswürdigkeiten «in der Nähe» liegen. Natürlich haben wir damals bei der Routenplanung die effektiven Distanzen mal vor Augen gehabt, aber dann wohl erfolgreich verdrängt. Von Alice Springs zum Uluru (Ayers Rock) sind es nämlich «mal eben» weitere 470 km (Altdorf – Venedig). «Gleich neben» dem Uluru liegen die Kata Tjutas (Olgas) (immer noch 57 km… Basel – Aarau). Vom Uluru zum Kings Canyon sind es weitere 320 km (Basel – Frankfurt am Main). Und um vom Kings Canyon (via den Mereenie Loop) wieder zurück nach Alice Springs zu gelangen, zeigt Google Maps weitere 370 km an, vergleichbar mit der Strecke Aarau – Lyon.

Ausser den ähnlichen Distanzen haben die aufgeführten Streckenvergleiche wohl nur wenig miteinander gemein. In Europa wäre es – zumindest auf den eben aufgeführten Strecken – unvorstellbar, dass man über Hunderte von Kilometern mehrheitlich geradeaus fährt, kaum anderen Fahrzeugen begegnet, stundenlang durch die Wildnis und nur äusserst selten mal durch eine Ortschaft fährt. Keine Ampeln, keine Staus, kein Gedränge, keine Städte, kaum Strassenkreuzungen, sehr wenig Infrastruktur, vielleicht mal eine Kuh oder ein Känguru…

Magische Karlu Karlu

Manch eine/r fragt sich nun vielleicht, weshalb wir nicht einfach von Darwin nach Alice Springs geflogen sind. Wir haben diese Variante kurz in Betracht gezogen. Leider hätten wir dann einen wunderschönen Ort verpasst: Karlu Karlu (Devil’s Marbles). Es wäre so schade gewesen, wenn wir diesen magischen Ort ausgelassen hätten. Deshalb haben wir die 1’500 Kilometer von Darwin nach Alice Springs in Kauf genommen. Oder anders ausgedrückt: Sind 1’100 km von Darwin nach Karlu Karlu (Zürich – Rostock bzw. Luzern – Barcelona) und dann nochmals 400 km von Karlu Karlu nach Alice Springs (Biel – Innsbruck) gefahren. Wenn man schon diese weite Strecke auf sich nimmt, dann sollte man unbedingt auf dem Campingplatz gleich bei Karlu Karlu übernachten (der Campingplatz überzeugt lediglich durch seine exzellente Lage, nicht durch seine Ausstattung). Vom späteren Nachmittag bis kurz nach Sonnenuntergang werden die runden Steinbrocken besonders schön angeleuchtet. In der Nacht ist am prächtigen Sternenhimmel (keine Lichtverschmutzung!) die Milchstrasse sichtbar und frühmorgens lohnt es sich, kurz vor Sonnenaufgang auf den Beinen zu sein, um die «Teufelsmurmeln» im ersten Tageslicht bestaunen zu können. Wir haben hier ein paar unvergessliche Stunden verbracht. Unserer Meinung nach ist hier eine der schönsten Fotogalerien entstanden!

Wenn man im Juli im Roten Zentrum unterwegs ist…

… dann kann es ganz schön kalt werden. Je mehr wir vom Top End (Darwin) in Richtung Mitte des Kontinents fahren, desto deutlicher spüren wir, wie nachts die Temperaturen fallen. Die erste richtig kalte Nacht erleben wir auf dem Campingplatz bei Karlu Karlu. Im Landesinnern von Australien herrscht ein semiarides Klima. Nachts können die Temperaturen im Roten Zentrum demnach auf knackig-kalte Temperaturen um den Gefrierpunkt sinken. Tagsüber steigen die Temperaturen dafür auf angenehme 20 Grad. Ideal, um die Gegend zu erkunden. Kommt man nämlich im australischen Sommer hierher, so kann das Thermometer über 40 Grad anzeigen. Wir sind mit diesen Tagestemperaturen deshalb mehr als zufrieden. Die kalten Nächte sind der Preis dafür – man kann halt nicht immer alles haben. Die Nachttemperaturen sind im schlecht isolierten Camper mit Aufstelldach wirklich empfindlich kalt. Die dünnen Decken, die wir von der Campervermietung (im heissen Darwin) bekommen haben, sind viel zu dünn. Glücklicherweise haben wir in unserem Gepäck auch zwei Daunenschlafsäcke, Mützen und Thermounterwäsche dabei. Sobald die Sonne untergeht, schlüpfen wir in unsere «Winterausrüstung» und nach dem Essen in unsere Schlafsäcke. Auf diese Weise ist uns abends und nachts warm genug. Morgens dauert es jeweils bis etwa 10 Uhr, bis die Sonne wieder genügend Kraft hat und wärmend ist (bis dann sind wir sowieso längstens wieder unterwegs und wärmen uns in der beheizbaren Fahrerkabine auf). Alles, was ein wenig kälteempfindlich ist, lagern wir über Nacht am wärmsten Ort des ganzen Campers – im Kühlschrank bei kuschligen 6 Grad :-) Was hingegen ein sehr schöner und willkommener Nebeneffekt der kalten Nächte ist: es gibt fast keine Moskitos und Fliegen. Das schätzen wir sehr!

 

1’100 km an einem Tag?

Nein, wir sind die Strecke von Darwin bis Karlu Karlu nicht in einem Stück durchgefahren. An jenem Tag, als wir den zweiten Camper übernommen haben, sind wir nicht mehr weit gefahren. Auf einer Rest Area haben wir erstmals in Ruhe den Camper eingeräumt und uns mit der Ausstattung unseres neuen Gefährts vertraut gemacht. Viel gab’s ja nicht. Die Aussenküche verfügt über einen (erstaunlich geräumigen) Kühlschrank, einen mit einer Gaskartusche betriebenen Kocher, einen Wasserkocher, einen Toaster, sowie Pfannen, Besteck und Geschirr. Auf der ausziehbaren Arbeitsfläche kann man kochen. Ein Spülbecken sucht man indes vergebens. Doch wir haben einen kleinen Wasserhahn, der uns gute Dienste erweist. Viel mehr zum «Vertraut machen» gibt es nicht. Im Innenraum ein (fixes) Bett, (erstaunlich viel) Stauraum sowie eine Sitzecke mit einem klappbaren Tisch. Das aufklappbare Dach ist mit wenigen Handgriffen aufgestellt. Ein WC sucht man vergebens. Somit kommen nur Übernachtungsplätze in Frage, die über irgendeine Form von sanitären Einrichtungen verfügen. Es bringt in Folge mit sich, dass man abends immer nochmals aus dem Camper raus muss… Man sieht auf den Gängen zu den Toiletten dafür meistens ganz viel «Wildlife». Geckos sind ja noch süss, Frösche und Kröten sind je nach Exemplar auch noch ganz putzig, Spinnen finden wir dann etwas weniger herzig…

 Spinnenbegegnungen

Spinnen. Dieser Tierart haben wir in unseren Reiseberichten bis jetzt noch nicht viel Beachtung geschenkt. War doch bisher schon mehrmals von Schlangen (#08: Von zauberhaften Stränden, rauen Küsten und putzigen Tierbegegnungen und #29: Michelles Rendez-vous mit einer Schlange), Krokodilen (#32: Umdisponieren im Reich der Krokodile), Quallen oder Haien (#07: Auf Zickzack-Kurs oder #26: Zauberhafte Shark Bay) die Rede, so haben wir uns noch nicht explizit zu unseren Spinnenerfahrungen geäussert. Das kann nur heissen, dass wir bis anhin noch keine nennenswerten Erfahrungen mit diesen achtbeinigen Tierchen gemacht haben. Tatsächlich ändert sich das schlagartig, sobald man kein Klo mehr im Camper hat…

Da es bereits etwa um 18 Uhr dunkel wird, machen wir uns jeweils mit einer Stirnlampe bewaffnet auf den – mehr oder weniger weiten – Weg zur Toilette. Wir leuchten den Weg aus, um nicht über etwas zu stolpern oder in etwas zu treten. Und plötzlich sehen wir ein Glitzern. Hm, was könnte das sein? Überall auf dem Boden glitzern kleine «Steinchen». Sind es vielleicht kleine Glasscherben? Also gehen wir mal näher hin, um es mit der Lampe genauer zu inspizieren. Keine Glassplitter, sondern Spinnen – viele Spinnen! Wenn man zuerst glaubt, es handele sich um die Reflexion von Glassplittern, dann sind es viele Spinnen…

Wir haben nicht genau genug geschaut, welcher Teil der Spinne für dieses Glitzern verantwortlich sein könnte. Schliesslich standen wir mitten im «Scherbenhaufen» und mussten da ja irgendwie wieder raus. Die kindliche Strategie «wenn ich nicht hinleuchte und ich sie somit nicht sehe, dann sind sie nicht mehr da» hat relativ gut geholfen. Auf’s Klo und wieder zurück zum Camper mussten wir ja sowieso, also «Augen zu und durch». Die Toilettenräume haben wir vor Gebrauch auch immer gut inspiziert. Hier sind wir ausser auf Geckos und gelegentlich einem Frosch auf keine weiteren «Mitnutzende» gestossen. Doch auch ohne unliebsame achtbeinige Gäste in den WCs haben sich einige Toilettenhäuschen trotzdem als «kleine Kammern des Schreckens» entpuppt: je nach Aussentemperatur, Belüftungssystem, Völlegrad der Latrine sowie Verhalten der WC-Benutzer/innen, ist die Benutzung von Plumpsklos nicht unbedingt ein erfreuliches Erlebnis…

Ein weiteres Spinnenerlebnis haben wir in den Bitter Springs. Wir übernachten auf dem Weg zwischen Darwin und Alice Springs zwei Mal in der Nähe dieser warmen Quellen. Diese liegen wunderschön eingebettet im Wald. Es gibt verschiedene Ein- und Ausstiegsstellen und eine leichte Strömung sorgt dafür, dass man sich ohne grosses Zutun den Flusslauf runter treiben lassen kann. Das Wasser ist glasklar, türkisfarben und angenehm warm. Ein Strömungskanal mitten in der Natur! Hier ist sicheres Baden möglich (keine Haie, keine Quallen, keine Steinfische, keine Krokodile). Doch wir wären ja nicht in Australien, wenn nicht doch irgendwo ein eher unliebsames Tier «lauern» würde :-) Anstatt sich gedankenlos treiben zu lassen, hält man die Augen lieber offen. Besonders am Ufer entlang und bei tieferliegenden Ästen kann man wunderschöne, grosse Spinnennetze bestaunen. Oftmals sichtet man darin auch die Architektin dieser Netze. Lieber den Kopf nicht zu weit aus dem Wasser strecken und sich eher in der Mitte des Flüsschens aufhalten. Das Badeerlebnis ist trotzdem wunderschön, weckt in uns aber auch gleich Ideen für ein Computerspiel: Wer schafft es, die ganze Schwimmstrecke zu bewältigen, ohne in ein Hindernis zu schwimmen? Punkteabzug gibt es für das Rammen von a) anderen Personen, b) Unterwasserhindernisse wie Baumstrunke oder Wurzeln c) leere Spinnennetze und schliesslich d) Spinnennetze inklusive Bewohnerin (sofortiges Game Over :-)). Der Schwierigkeitsgrad kann erhöht werden, indem man in einem Level mit höherer Strömung spielt und/oder mehr Hindernisse vorkommen. Klingt doch nach einem amüsanten Spiel, oder?

Wir hätten noch eins, zwei weitere solche Müsterchen zu erzählen, doch in den allermeisten Fällen hängen die Spinnen einfach irgendwo ausser Reichweite in der Gegend rum. Sie bewegen sich nicht, sie stören nicht – im Gegenteil: aus der Ferne sind solch grosse Spinnennetze echt faszinierend. Und wie bei anderen Tierarten sind auch hier häufig die kleinsten die giftigsten.

 

Wir nähern uns Alice Springs!

Die Strecke von 1’500 Kilometern (St. Gallen nach Valencia…) haben wir also in mehrere Etappen aufgebrochen: eine Nacht auf der Rest Area unweit von Darwin («glitzernde Steinchen»), zwei Nächte in der Nähe der Bitter Springs («Strömungskanal mit Hindernissen») und schliesslich eine (erste kalte) Nacht bei den prächtigen Steinformationen Karlu Karlu. Welche Highlights uns im Roten Zentrum erwarten, erfährst du im nächsten Blogbeitrag. 

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#32: Umdisponieren im Reich der Krokodile