#45: Im Reich der Wale und Seelöwen


Nach den intensiven Begegnungen mit den Bären in unserem letzten Blog, unserem «beinahe Zusammenstoss» mit einem Elch auf einer Wanderung sowie aufmüpfigen Erdhörnchen an Rastplätzen (die Geschichten dazu findest du hier), richten wir unseren Blick nun vom Land aufs Wasser…

Belugas im Turnagain Arm

Wann immer wir irgendwo Sätze à la «Mit etwas Glück werden Sie xy sehen» lesen, schrauben wir unsere Erwartungen gaaanz tief runter. So auch, als wir dem Turnagain Arm südlich von Anchorage auf dem Weg zur Kenai-Halbinsel entlangfahren. Mit «etwas Glück» kann man hier Belugas sichten – relativ kleine, weisse Wale mit einer massiven Stirn. Sie kommen während der Lachswanderung in diese Region und jagen bevorzugt kurz vor und nach dem Höchststand der Flut. Egal ob mit oder ohne Walsichtung, die Aussicht über den Turnagain-Meeresarm ist wunderschön. Die vielen Parkbuchten entlang des Highways lassen uns die Qual der Wahl, wo wir unseren Camper für eine Nacht hinstellen. In Alaska gibt es sehr wenige Orte, wo «Hochbetrieb» herrscht. Während wir gemütlich frühstücken, beobachten wir etwas erstaunt, immer mehr Autos auf dem Parkplatz eintreffen und die Leute mit gezückten Kameras und Feldstechern bereitstehen. Wir schauen dem Treiben vor unserem Fenster zu, während wir alles aufräumen und uns fahrbereit machen. Natürlich wandern unsere Blicke immer wieder übers Meer – eigentlich unnötig, denn anhand der Reaktion der Leute wird schnell klar, wenn etwas Spannendes passiert. In diesem Fall: wenn Belugas auftauchen. Plötzlich sind die Personen nicht mehr vereinzelt über die gesamte Länge der Parkbucht verteilt, sondern sammeln sich am rechten Ende, alle richten ihren Blick und ihre Kameras in dieselbe Richtung. In weiter Ferne sehen auch wir nun immer mal wieder weisse Flecken an der Wasseroberfläche auftauchen. Fünf bis sechs Tiere schwimmen relativ nah am Ufer entlang, direkt auf unsere Parkbucht zu. Obschon sie nicht besonders schnell unterwegs sind, sind sie mit der Kamera nur schwer festzuhalten. Immer nur kurz zeigen sie einen Teil ihres Rückens, nur ganz vereinzelt kommt die Schwanzflosse zum Vorschein. Wir sind nicht einmal ganz sicher, wie viele Tiere es sind… Fünf? Sechs?

Ihre Schwimmrichtung scheint jedoch klar zu sein: Entlang der Küste in Richtung Kenai-Halbinsel, wo sie dann irgendwann wieder abdrehen und bei der nächsten Flut (vielleicht) wieder zurückkehren. Zum Glück führt auch der Highway direkt dieser Küste entlang und praktischerweise sieht man meist schon fast in Sichtdistanz die nächste Parkbucht. Wir machen es wie viele andere: Sobald die Belugas an der Parkbucht vorbeigezogen sind, hüpfen wir ins Auto, fahren zur nächsten Ausbuchtung, parken und warten auf die Ankunft der Beluga-Gruppe. Dieses Spiel wiederholen wir vier bis fünf Mal, bis die Belugas schliesslich ihren Kurs ändern und wir ihnen nicht mehr folgen können. Wir sind glücklich, dass wir – ohne Plan und grosse Hoffnung, nur mit «etwas Glück» – diese weissen Wale beobachten durften.

Familientreffen unter Orcas

Noch am Vortag waren wir auf der anderen Seite der Kenai-Halbinsel am Wasserflugzeug-Flughafen von Kenai, um von dort die Bären am Crescent Lake (siehe dazu #44: Im Reich der Bären) zu beobachten, jetzt befinden wir uns im Fischerort Seward. Von hier aus unternehmen wir eine Bootstour durch den Kenai Fjords National Park (hier geht’s zu den Fotos). Wie bei den Bären haben wir auch heute wieder grosses Wetterglück: Hiess es am Vortag noch, dass das sonnige Wetter und der spiegelglatte See eine wahre Seltenheit seien, so erwischen wir heute einen weiteren aussergewöhnlichen Tag auf See. Die Crew berichtet, dass es hier auf dieser Seite der Halbinsel gestern sehr windig und wellig gewesen sei. Heute hingegen pflügt das Boot seinen Weg durch eine ausgesprochen ruhige See. Der Himmel ist zwar bewölkt, doch es regnet nicht (was ebenfalls eher die Ausnahme als die Regel sei). Diese Bedingungen kommen nicht nur Personen mit einem empfindlichen Magen zugute, die glatte Wasseroberfläche vereinfacht auch die Suche nach Meerestieren und dank des bewölkten Himmels blendet und glitzert das Wasser nicht.

Wir sind noch nicht lange unterwegs, da nimmt das Boot plötzlich Fahrt auf. Die Kapitänin informiert uns, dass ein anderes Boot Orcas entdeckt habe. Dorthin seien wir nun unterwegs. Kurz darauf sehen wir sie: Sie sind überall um uns herum. Dutzende. Wir wissen fast nicht, wo wir hinschauen sollen. Wir sind völlig überwältigt. Überall sehen wir die markanten schwertförmigen Rückenflossen aus dem Wasser ragen. Immer wieder können wir einen Blick auf die schwarz-weisse Zeichnung der Tiere erhaschen. Ein paar Mal klatscht eine Schwanzflosse auf die Wasseroberfläche. Vereinzelt schaut sogar mal ein neugieriger Kopf aus dem Wasser. Ein unglaubliches Erlebnis! Die geschickten Jäger scheinen sich zu einer Art Familientreffen zusammengefunden zu haben. Die Crew informiert uns, dass es sich um zwei Familien (sogenannte Pods) mit insgesamt über 60 Tieren handle. Es komme bei weitem nicht täglich vor, dass man Orcas zu Gesicht bekäme – geschweige denn gleich in so grosser Anzahl.

Nebst dem Naturschauspiel vor uns im Wasser, sind auch die Reaktionen an Bord sehr spannend zu beobachten. Plötzlich sind alle draussen an Deck. Da wir von Walen umgeben sind, hat auch jede/r – egal wo er/sie steht – einen Platz mit guter Sicht. Ebenfalls eine Seltenheit, drängen sich doch sonst die Leute alle auf eine Seite, sodass je nach Grösse des Boots achtgegeben werden muss, dass es nicht in Schieflage kommt. Bei uns ist alles ausbalanciert – sehr gut. Wir stehen am Bug des Schiffs, leicht erhöht auf einer Stufe neben einem amerikanischen Paar. Die Dame kriegt sich nicht mehr ein: ununterbrochen macht sie ihren Partner auf diesen oder jenen Orca aufmerksam, kann nicht genug betonen, wie «absolutely amaaaazing» dies alles sei und wie «incredibly lucky» wir doch seien. Das spult sie in absoluter Entzückung in Endlosschlaufe ab. Während Basil irgendwann ein wenig genervt ist von ihrem «übertriebenen Getue», findet Michelle es eher amüsant, wie sich hier kulturelle Unterschiede bemerkbar machen. Wir Schweizer/innen befinden uns tendenziell eher auf der gegenüberliegenden Seite der Skala, wenn es um den Ausdruck von Emotionen und deren Mitteilungsbedürfnis geht. Wir kommentieren solch ein Spektakel eher mit einem einmaligen «Lueg mal diä ville Orcas – sooo schööön!» und belassen es dann dabei. Das Gegenüber kann ja dann selber schauen und – für sich – fühlen. Ein starker Kontrast zur fast kindlichen Freude der Frau – etwas, was wir uns in der Schweiz von Erwachsenen nicht so gewohnt sind und erfrischend anders ist.

Solch ein Erlebnis lässt sich kaum toppen. Die Orcas waren definitiv die Stars der «Show». Die anderen Tiere wie die süssen Otter, die putzigen Papageientaucher, die mächtigen Seelöwen oder die neugierigen Seehunde hatten nach diesem spektakulären Auftakt einen etwas schweren Stand. Trotzdem haben wir auch die Begegnungen mit all den anderen Meeresbewohnern sehr genossen. Selbst wenn mal gerade kein Tier in der Nähe war, wurde einem nie langweilig. Die Fahrt durch die Fjorde, vorbei an verschiedenen Gletschern war auch so sehr abwechslungsreich. Eindrücklich war auch der Stopp beim Gezeitengletscher Holgate Glacier, der direkt ins Meer mündet. Die Eismasse scheint sich ihren Weg bis hinab ins Wasser zu fräsen und dabei den Berghang regelrecht seitlich wegzudrücken. Hellblaue Eiszacken und -brücken schmücken den Gletscher. Hin und wieder brechen kleine Stücke ab und treiben als Mini-Eisberge im Meer dahin.

Auf dem Rückweg kommt der Funkspruch rein, dass ein anderes Boot einen Buckelwal gesichtet habe. Wir fahren zur besagten Stelle und dümpeln relativ lange geduldig wartend. Doch der Wal lässt sich nicht mehr blicken, worüber jedoch niemand sonderlich enttäuscht ist. Alle scheinen sich bewusst zu sein, dass wir heute Zeuginnen und Zeugen eines Naturspektakels geworden sind – zusätzlich ein Buckelwal wäre das fast ein bisschen zu viel des Guten gewesen :-)

Das grosse Fressen

Von mehreren Seiten haben wir gehört, dass ein Besuch der «Solomon Gulch Hatchery» ein absolutes Muss sei. Egal, wie das Wetter ist, wer zwischen Juli und Oktober in Valdez sei, nämlich dann, wenn die Lachse zu Millionen zur grössten Lachszuchtanlage Nordamerika zurückkehren – darf sich dieses kostenlose Naturschauspiel keinesfalls entgehen lassen. Man fühle sich wie in einer National Geographic Doku. Hier ist nicht die Rede von «mit etwas Glück sehen Sie einen Lachs». Nein, hier geht richtig die Post ab. Hier sind alle Sinne gefordert…

Jährlich werden über 250 Millionen Pink- sowie 2 Millionen Coho-Lachse «produziert». Bei ihrer Rückkehr befinden sich die Lachse am Ende ihres Lebenszyklus. Als wir uns im Camper der Solomon Gulch Hatchery nähern, wird zuerst unser Sehsinn überfordert. Der Meeresboden liegt bei Ebbe frei und ist über und über mit (halb)toten Lachsen bedeckt. Wir blicken über eine weiss-graue Schicht aus Fischleibern, vom Boden ist kein Fleckchen mehr sichtbar. Darauf stehen Möwen und andere Meeresvögel, die sich den Bauch vollschlagen. Sobald wir auf dem Parkplatz ankommen und aussteigen, werden sofort zwei weitere Sinne aktiviert: der Geruchsinn… und der Hörsinn. Ein Strand von Millionen toter, verwesender und halb aufgefressener Fische sorgt für ein – diplomatisch ausgedrückt – intensives Geruchserlebnis. Wir sind heilfroh, dass es ein kühler Tag ist. Nicht auszudenken, wie es hier riecht, wenn die Sonne voll auf die Kadaver knallt. Trotz allem gewöhnt man sich recht schnell an den strengen Geruch. «Durch den Mund atmen» sowie die Ablenkung durch das Gesehene helfen zusätzlich. Während die Fische still vor sich hinsterben (übrigens ganz normal, da sie sich jetzt am Ende ihres Lebenszyklus befinden), wird das Ganze vom ohrenbetäubenden Kreischen der Vögel begleitet. Wir sind absolut fasziniert. Noch nie haben wir so viele Tiere auf einmal gesehen. So viele (Sinnes)Eindrücke prasseln auf einem ein. Wir zwingen uns, genau hinzusehen: Wir entdecken orange leuchtenden Laich, der von Möwen «ausgeräumt» wurde, Gräte und angebissene Fische liegen herum, tote Augen starren ins Leere, die Fische liegen kreuz und quer übereinander. An der Wasserkante ist viel Bewegung: die einen bringen nochmals ihre ganze restliche Energie auf, um in einem letzten Kraftakt die Lachsleiter hochzuschwimmen, andere können nur noch letzte, kraftlose Züge machen.

Wir beschliessen nach einem Zwischenstopp «in der Stadt» (Valdez) wieder hierherzukommen, wenn Flut herrscht. Die Teppiche aus toten Fischen sind verschwunden. Das Meer hat sich die Fische zurückgeholt. Im Wasser herrscht ständige Bewegung. Überall spritzen kleine Fontänen, es schlagen Flossen, es winden sich Körper. Und mittendrin: Seelöwen, die sich die Bäuche vollschlagen. Mächtige Tiere, die sich ohne grosse Anstrengung fürstlich am «all you can eat»-Buffet bedienen können. Darunter, hier und da ein Fischotter, der gemütlich auf dem Rücken treibend, an seinem Fisch-Snack knabbert. Konkurrenzdenken gibt es nicht – es ist offensichtlich, dass es für alle mehr als genug zu essen gibt. Direkt unter der Besucherplattform liegen zwei stattliche Exemplare und halten ein Verdauungs-Nickerchen. Nur die Bären möchten sich uns nicht zeigen. Doch uns reichen auch die übrigen Eindrücke vollkommen. In der Fischleiter können wir die Lachse aus der Nähe betrachten: die gepunkteten Schwanzflossen, die gelben Augen und massiven Kiefern. Nicht unbedingt schöne Wesen, aber definitiv sehr eindrücklich.

Wer den Tast- und Geschmacksinn auch noch involvieren möchte, kann sich gerne zu den zahlreichen Fischern gesellen, die ein Stück weit weg von der Zucht am Ufer fischen. Eine üppige Mahlzeit ist garantiert. Wir verzichten darauf, aber weil es hier so «schön» ist, bleiben wir für eine Nacht. Die Fenster sind alle fest verschlossen, das Gekreisch der Möwen erstirbt nach Einbruch der Dunkelheit und wir sind glücklich, an einem so speziellen Ort gelandet zu sein. Weitere Fotos findest du hier.

Genau das ist das Schöne am Reisen durch «naturreiche» Regionen: Man weiss nie, was einem erwartet. Wir sitzen nichtsahnend beim Frühstück am Turnagain Arm und kommen völlig unerwartet in den Genuss vorbeiziehender Belugas. Wir gehen auf Bärentour und lassen uns überraschen, wer auftaucht. Auf der Bootstour hätten wir uns nie erträumen lassen, so viele Orcas zu Gesicht zu bekommen. Beim Wandern erfreuen wir uns an Begegnungen mit kleinen tierischen Bewohnern, sind jedoch heilfroh, wenn sich die grossen Vertreter nicht zeigen.

Wir staunen – wie beim Anblick der Millionen von Lachsen. Wir lernen, unsere Umgebung aufmerksam wahrzunehmen und das Verhalten von Tieren einzuschätzen. Auch über uns selbst – unsere Fähigkeiten, Grenzen und Gefühle – lernen wir viel. Wir werden mutiger, können auch mal eine mulmige Situation aushalten. Mutig sein und die Komfortzone verlassen – Dinge, die bei einer ganz bestimmten Tätigkeit ganz besonders gefragt sind. Mehr dazu im nächsten Blog.

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#44: Im Reich der Bären