#50: Going South mit GoNorth


Ein wenig beflügelt von unserem unerwarteten Wiedersehen mit Anne und Brad (mehr dazu im vorherigen Blog) folgen wir der Route nun zuerst für eine Weile ostwärts. Da wir drei Stunden «verquasselt» haben, müssen wir nun noch etwas Strecke wettmachen, was wir allerdings noch so gerne in Kauf nehmen. Solche Begegnungen sind unglaublich wertvoll, haben wir doch in den letzten neuneinhalb Monaten kaum einmal ein Gesicht zweimal gesehen, geschweige denn aus einer flüchtigen Begegnung die Gelegenheit gehabt, Freundschaften zu knüpfen. Obschon wir es nicht darauf angelegt haben, unterwegs neue Bekanntschaften zu vertiefen, ist es umso schöner, wenn daraus doch Freundschaften entstehen. An dieser Stelle möchten wir mal wieder einmal «än härzliche Gruess» an die beiden Schweizer Gaby und Role schicken, die wir in Südostaustralien getroffen haben (mehr zu diesem Zusammentreffen findest du im Blog #10: Südaustralien – wo halb ist, wenn fast überall sonst auf der Welt Punkt ist) und vor Kurzem hier in der Schweiz wiedergesehen haben.

Ein ganz besonderer Wald

Bevor wir auf den Stewart-Cassiar Highway nach Süden abbiegen, fahren wir noch ein kleines Stück weiter bis nach Watson Lake. Für einmal steht nicht die Natur im Fokus: Wir schlendern durch den Schilderwald, der seinen Ursprung beim Bau des Alaska Highways in den 1940er Jahren nahm und mittlerweile auf über 100'000 Schilder angewachsen ist. Besucher/innen aus aller Welt stoppen hier auf der Durchfahrt und bringen ihre Schilder an: Strassenschilder, Ortstafeln, Kfz-Kennzeichen und ganz viele liebevoll gestaltete Tafeln. Zuhause professionell gedruckt und mitgebracht oder unterwegs spontan mit etwas «Schildähnlichem» improvisiert (ja, auch WC-Deckel, Raddeckel, Pfannen oder sonstige entbehrbare Alltagsgegenstände können dafür herhalten). Es gibt sogar ein kleines Häuschen, in dem Hammer und Nägel für Besucher bereitliegen. Bei unserem Besuch war es leider geschlossen, weshalb wir uns nicht verewigen konnten. Doch auch so ist es ein unterhaltsamer Zwischenstopp. Wir haben hier über eine Stunde verbracht (es hätte auch gut und gerne länger sein dürfen): «Lueg ämal, Hüntwange!», «Oh ja, und häsch das vo Goldau au gseh?». So tönt es immer mal wieder aus einer anderen «Baumreihe», wenn wir gerade wieder ein besonders schönes, originelles oder auch einfach eins aus der Heimat entdeckt haben.

Da wir jedoch hier in Watson Lake (unserem letzten Stopp im Yukon) noch einiges zu erledigen haben, können wir trotzdem nicht allzu lange im Schilderwald verweilen. Nebst den obligaten Besorgungen wollen wir hier noch einen Kuchen und ein paar Kerzen auftreiben, da Basils Geburtstag vor der Tür steht. Das Wetter wird zunehmend unfreundlicher – bei Regen starten wir auf den Stewart-Cassiar Highway.

Auf dem Stewart-Cassiar Highway

Es gibt zwei Möglichkeiten, Richtung Süden zu fahren: Entweder auf dem bekannteren Alaska Highway oder dem etwas weniger bekannten, aber landschaftlich mindestens ebenso schönen Stewart-Cassiar Highway. Wir entscheiden uns für den Stewart-Cassiar Highway: Er ist weniger stark befahren – die Chancen auf Tiersichtungen stehen also besser – und führt uns zudem auf direkterem Weg zu unserem nächsten Etappenziel. Überall liest und hört man, wie viele Tiere man auf diesem über 700 Kilometer langen Highway sehen werde. So sind auch wir gespannt, als wir uns auf den Weg machen. Bisher haben wir zwar immer mal wieder Tiere gesehen, aber nicht übermässig viele. Diese Strecke verspricht also nochmals ein echtes Highlight zu werden. Leider zieht sich das neblig-nasse Wetter, das uns seit Haines begleitet, weiter hin. So fahren wir weitgehend bei Regen und Nebel durch den abgeschiedenen Norden von British Columbia. Mitten im Nirgendwo «feiern» wir Basils Geburtstag. Passend zum Sprichwort «Scherben bringen Glück» haben wir heute extra zur Feier des Tages das eine Küchenschränkchen nicht richtig geschlossen und bei einer Fahrpause – Überraschuuung! – ein paar zerschlagene Teller vorgefunden, deren Scherben sich schön im ganzen Camper verteilt haben… Zum Dessert gibt es heute (und die nächsten zwei Tage) den in Watson Lake gekauften Schoko-Kuchen. Draussen regnet es mal wieder, drinnen brennen Kerzchen auf dem Kuchen.

Wir sehen das Potenzial dieser Strecke, aber zwei Wochen Regenwetter schlagen irgendwann doch ein wenig aufs Gemüt. Kommt hinzu, dass wir auf den über 700 Kilometern kein einziges Tier – nicht mal einen Hasen – zu Gesicht bekommen haben. Kaum sind wir vom Stewart-Cassiar Highway auf den Abzweiger nach Stewart abgebogen, spaziert mitten auf der Fahrbahn ein mächtiger Grizzly. Ganz ohne Eile. Von unserem Camper lässt er sich weder aus der Ruhe bringen noch dazu bewegen, an den Strassenrand zu gehen. Erst als sich hupend ein LKW nähert, verzieht er sich rasch ins Gebüsch. Wir hoffen, dass das ein Vorgeschmack auf die Fish Creek Wildlife Observation Site ist, wo von einer Plattform aus häufig Bären beim Lachsfangen beobachtet werden können.

Weitere Eindrücke vom Stewart-Cassiar Highway findest du hier.

Ein Abstecher der Extraklasse

Der Grizzly auf der Strasse war tatsächlich ein Vorbote: Kurze Zeit später fahren wir am Bear Glacier vorbei und bei der Fish Creek Wildlife ObservationSite haben wir das grosse Glück, gleich mehrere Bären beobachten zu können. Von den Begegnungen mit dem «Draufgänger» und dem «kleinen Angsthasen» haben wir im Blogbeitrag #44: Im Reich der Bären ausgiebig erzählt. Nebst den tierischen Highlights trumpfen Stewart (auf der kanadischen Seite) und Hyder (auf der us-amerikanischen Seite) mit einem weiteren landschaftlichen Highlight auf: dem mächtigen Salmon Glacier! Er ist einer der grössten Gletscher, die sich bequem mit dem Auto erreichen lassen. Dafür muss man kurz nach Stewart die Grenze nach Hyder überqueren. Allerdings gibt es nur auf dem Rückweg zurück nach Kanada eine Grenzkontrolle. Die Bärenbeobachtungsstelle in Hyder lassen wir hinter uns und kommen schon bald auf eine relativ raue Schotterstrasse, die noch aktiv für Minenverkehr genutzt wird. Langsam nähern wir uns in etwa einer Dreiviertelstunde dem Gletscher. An einem der Aussichtspunkte parken wir und hoffen, dass wir auch tatsächlich mal noch einen Blick auf den Gletscher erhaschen können, denn das Wetter ist weiterhin sehr launisch. So verbringen wir einen ganzen Nachmittag hier oben – mit einer theoretisch absolut spektakulären Aussicht –, sitzen gemütlich im warmen Camper, spielen Spiele, schreiben im Reisetagebuch und bearbeiten Fotos. Immer wieder lichtet sich die Nebel- und Wolkendecke für einen kurzen Moment. Dann müssen wir schnell sein: aufspringen, Kamera packen, zur Tür raus und das Treppchen runterspringen. Manchmal haben wir Glück, doch oftmals ist das Fenster bereits wieder zugezogen. Die Nacht können wir nicht an dieser Stelle verbringen, da die Lage zu exponiert ist und die Temperaturen um den Gefrierpunkt sinken werden. Die Nachttemperaturen sind etwas, was wir immer gut im Auge behalten müssen. Es wäre verheerend, wenn unsere Leitungen einfrieren würden. Diese Nacht wäre – auch mit durchgehend angelassener Heizung – an diesem ungeschützten Platz grenzwertig. Ein anderer Camper erklärt uns, dass es unweit von unserer jetzigen Stelle einen geeigneten Übernachtungsplatz gebe. Also fahren wir dorthin. Einen Blick auf den Gletscher haben wir jetzt zwar nicht mehr, dafür sind wir ein paar Hundert Meter weiter unten und aus dem gröbsten Wind raus. Das macht bereits ein paar Grad aus und reicht, dass wir problemlos übernachten können. Hier treffen wir auf ein holländisches Paar, das sich uns anschliesst und auf demselben weitläufigen Platz übernachtet.

Am nächsten Morgen kehren wir nochmals zum Aussichtspunkt zurück und versuchen erneut unser Glück – mit mässigem Erfolg. Da wir auch nochmals bei der Bärenplattform vorbeischauen möchten, brechen wir schliesslich auf. Immerhin haben wir doch das eine oder andere Mal eine kurze, (fast) freie Sicht auf den Gletscher gehabt. Ein absolut eindrücklicher Gletscher! Dieser Platz zählt definitiv zu einem unserer «Herzensplätze». Ebenfalls in Erinnerung bleiben wird uns der Campingplatz in Stewart, wo wir ebenfalls eine Nacht verbringen. Wir sind die einzigen Gäste auf einem grosszügig angelegten Campingplatz, der sich halb im Wald befindet. Weshalb er – vor allem Michelle – uns so gut in Erinnerung bleibt, kannst du in diesem Blog nachlesen.

Impressionen zu den Bären am Fish Creek sowie dem Salmon Glacier findest du in den entsprechenden Galerien.

Zu Besuch bei alten Freunden

Wieder zurück von unserem Abstecher nach Stewart/Hyder, folgen wir dem Stewart-Cassiar Highway und stossen schliesslich wieder auf einen grösseren Highway. Von dort ist es nur noch eine Stunde nach Terrace, wo wir einen ganz besonderen Stopp einlegen: Wir besuchen den Pferdehof, auf dem Michelle vor 16 Jahren einen Sommer verbracht hat. Drei Nächte verbringen wir hier und werden kurzzeitig wieder Teil der Familie. Wie damals bäckt Michelle einen heissbegehrten Zopf und Basil macht seine legendäre Toblerone-Mousse. Das kommt so gut an, dass am nächsten Tag vom Sohn gleich nochmals alle Zutaten eingekauft werden. So kommen alle in den Genuss einer zweiten grossen Schüssel Mousse.

Die Zeit drängt…

Für einen längeren Aufenthalt auf dem Hof reicht die Zeit leider nicht mehr und so ziehen wir zügig weiter ohne grosse Stopps und Abstecher einzuplanen. Bis Whistler möchten wir mehr oder weniger durchfahren – und wir kommen gut voran. Ausgebremst werden wir nur einmal, und das zum Glück auch nur kurzzeitig: Wie aus dem Nichts kracht plötzlich ein Vogel in die Windschutzscheibe. Wir haben den Vogel weder kommen noch gehen sehen, lediglich der grosse Abdruck auf der Scheibe und der Sprung, der sich quer über fast die ganze Scheibe zieht, lassen erahnen, dass wir wohl nicht bloss mit einem Spatzen kollidiert sind. Während wir mit dem Schrecken – und der Rechnung für eine neue Windschutzscheibe – davongekommen sind, hat der arme Vogel den Zusammenstoss mit grosser Sicherheit nicht überlebt. Nach Rücksprache mit der Campervermietung müssen wir den Schaden nicht gleich reparieren lassen, sondern können die eine uns noch verbleibende Woche so weiterfahren, sofern der Sprung unsere Sicht nicht beeinträchtigt. Also geht es weiter…

Zurück in der Zivilisation

Langsam nähern wir uns «von hinten» – sprich von Nord-Osten kommend – dem Outdoor-Mekka Whistler. Gerade noch fahren wir fast mutterseelenallein durchs Hinterland, stehen wir nun mitten im Gewimmel. Wir sehen Whistler als eine Art Akklimatisation für Vancouver und Seattle: Whistler-Village ist dafür ideal. In der autofreien Zone wechseln sich Outdoorläden, Souvenirshops und Restaurants ab. Einige bringen sogar schon ihre Skier für den Service mit – ein weiteres Anzeichen, dass der Winter vor der Tür steht, wenngleich sich das Wetter nach langer Zeit endlich wieder gebessert hat und sich uns die Sonne wieder einmal für längere Zeit am Stück zeigt. Nachdem wir uns eine Weile dem Trubel ausgesetzt haben, ziehen wir uns wieder zurück. Auch in der Nähe von bewohnten Gegenden finden wir mühelos Plätze, wo wir frei und ganz allein stehen können. Im Sommer ist Whistler ein Bike- und Wanderparadies. Da unsere Zeit sehr begrenzt ist, beschränken wir uns auf ein paar kurze Spaziergänge zu ein paar schönen Wasserfällen (hier findest du mehr Fotos) und zu den vor rund 70 Jahren entgleisten Güterwaggons, die noch immer im Wald stehen und mittlerweile mit Graffitis überzogen sind (hier geht’s zu dieser Galerie). Einer der Vorzüge von Touristenmagneten wie Whistler ist das breite Angebot an Freizeitmöglichkeiten. Für einmal – eines der wenigen Male auf der gesamten Weltreise – gehen wir abends nochmals «raus». Wir besuchen das «Vallea Lumina», einen multimedialen Nachtspaziergang, wo dank Lichtprojektionen, Musik und Erzählungen eine eigene Welt geschaffen wird. Wir sind positiv überrascht und erfreuen uns an den vielen liebevollen Details, die wir auf dem Rundgang entdecken. Das Rausgehen hat sich definitiv gelohnt.

Von Whistler aus sind es lediglich noch etwa 90 Minuten bis nach Vancouver. Da wir diese Stadt schon mehrfach bei anderen Gelegenheiten besucht haben, bleiben wir dieses Mal nur für zwei Nächte auf einem Campingplatz. So können wir immerhin einen vollen Tag in Vancouver verbringen. Dann setzen wir unsere Fahrt auch schon wieder fort. Bald passieren wir die Grenze und sind wieder in den USA. Nur noch drei Nächte stehen uns bevor, bis auch diese Reiseetappe zu Ende geht.

Wiedersehen in Seattle

Seit wir Carcross verlassen haben, stehen wir immer wieder mit Anne & Brad in Kontakt. Es sieht ganz so aus, als kreuzen sich unsere Wege in Seattle noch ein weiteres Mal. Die beiden haben es tatsächlich geschafft, ihre Route an unseren Zeitplan anzupassen, sodass wir uns an unserem letzten Tag im Camper zum Pizzaessen verabreden. In weiser Voraussicht und mit dem Wissen aus unseren letzten beiden Treffen planen wir, uns nicht erst zum Abendessen, sondern schon zum Mittagessen zu sehen. Um 13 Uhr fahren wir auf den Parkplatz einer Pizzeria. Irgendwie ist es plötzlich 19 Uhr geworden und wir sitzen immer noch im selben Lokal mitten in Seattle… Und wir haben beide noch keinen Platz für die Nacht. In Städten ist es so eine Sache mit dem Wildcampen. So ganz überall darf und möchte man sich in einer Grossstadt nicht hinstellen. Während Brad bei ein paar Supermärkten mit grossen Parkplätzen anruft und nachfragt, ob wir unsere Camper für eine Nacht abstellen dürfen, suchen Anne und Michelle in den Camping-Apps nach sicheren Wildcampingplätzen. Bei den Supermärkten haben wir keinen Erfolg, doch es scheint eine ruhige und sichere Parkmöglichkeit nicht allzu weit von der Pizzeria entfernt zu geben. Wir fahren zusammen hin und haben alle ein gutes Gefühl. Die Nacht vergeht ohne Zwischenfälle und wir schlafen noch ein letztes Mal in «unserem» Camper. Am Morgen ist es dann so weit: Wir stehen zeitig auf, weil wir noch all unser Gepäck verstauen und den Camper abgabebereit machen müssen. Etwas später sind auch die anderen wach. Auf dem Parkplatz verabschieden wir uns voneinander mit dem festen Vorsatz, uns irgendwann wiederzusehen.

Liebe Anne, lieber Brad – es ist so schön, dass sich unsere Wege gekreuzt haben. Wir wünschen euch viele weitere Abenteuer mit eurem Zuhause auf vier Rädern und freuen uns jetzt schon, wenn ihr nach Europa kommt. Take care!

Ein weiteres Mal Abschied nehmen

Dieses Mal fällt es uns besonders schwer, Abschied zu nehmen. Wir verabschieden uns von einer Region, in der wir fast ein Jahr gelebt haben, uns kennengelernt und Freunde gefunden haben. Wir fühlen uns beide vom Norden angezogen – wir schätzen seine unglaubliche Natur und gewaltigen Landschaften. Das Campen war bisher in keinem Land einfacher, friedlicher und entspannter. Auch der Camper hat uns sehr zugesagt und wir haben uns rundum wohlgefühlt. Uns steht nur noch eine Etappe bevor, und wir merken immer deutlicher, dass diese Reise nicht mehr ewig dauern wird. Doch wie bei allen bisherigen Etappen sind unsere Gefühle gemischt: Es hätte hier noch so viel zu entdecken gegeben. Gleichzeitig ist die Vorfreude auf die bevorstehende letzte Etappe sehr gross. Patagonien bringt ein paar Besonderheiten mit sich: wir sind seit Februar das erste Mal wieder mit dem Mietauto unterwegs, besuchen Länder, die wir beide nicht kennen – wobei das in Ozeanien ja auch schon so war – und deren Sprache nur einer von uns versteht. Wir sind gespannt und hoffen, dass wir die Monster-Anreise (von Seattle via Los Angeles via Panama City via Santiago de Chile bis nach Puerto Montt) gut überstehen werden…

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#49: Südwärts mit Umwegen